Gerambs Pflegeintentionen beschränken sich nicht nur auf Brauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum, sondern diese werden von ihm auf sonstige pflegenswerte Bereichedes sogenannten Kanons des Faches ausgedehnt. Im„, Heimatwerk"( sie-he dazu im Detail das Unterkapitel„ Das, Heimatwerk' als Beispiel ange-wandter Volkskunde" weiter oben in dieser Arbeit) werden nicht nur„ gute“Produkte des steirischen Haus- und Kleingewerbes verkauft, sondern Ge-ramb möchte Ratsuchende mit Fragen zu„ Trachten" und anderem auchfundiert beraten 293. In denselben Bereich fällt Gerambs Begutachtung vonca. 1000 Trachten für das Grazer„ Südmark"-Trachtenfest im Schloss Eg-genberg von 1921.294 Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Geramb seinenSchwerpunkt in der„ angewandten" Richtung auf das Bauen im ländlichenRaum verlegen.
Einer der Anstöße für Gerambs Pflegeambitionen ist sicher auch in den um-fassenden Umwälzungen im ländlichen Raum in den ersten Jahrzehntendes 20. Jahrhunderts( speziell ab 1938/1945) zu sehen. Vor allem durchdie fortschreitende Mechanisierung der Landwirtschaft kommt es zu funda-mentalen Umstrukturierungen der bäuerlichen Lebenswelt. Diese von Ge-ramb als Verlusterfahrung wertvollen, scheinbar„ urtümlichen“ Kulturguteserlebten Tendenzen versucht er mittels der besonderen Betonung der sta-tischen Elemente der Kultur, des„ Beharrenden“,„ das ihm aus den Kräftendes, Bewährten' zu bestehen" 295 scheint, zu kompensieren. Sein Ideal, dasKonstrukt„ einer kaum gestörten Welt der Hintersassen" 296, möchte Ge-ramb mittels einer konservativen, rückwärtsgewandten, bei Riehl angesie-delten Ideologie der„ vier großen S“,„ ,, Stamm, Sprache, Sitte, Siedlung# 297,bewahren.
12. NAIVER OPPORTUNIST ODER HOFFNUNGSLOSERIDEALIST?
VIKTOR GERAMB IM DICKICHT DER POLITIK
DER 1930- ER JAHRE
Es wurde bereits skizziert, dass es Geramb beim Versuch, gewisse welt-anschauliche Prämissen zu leben, gleichzeitig aber möglichst guten Kon-takt zu verschiedenen anderen„ weltanschaulichen Zentren" zu bewahren,zunehmend schwer hat. Geramb ist weltanschaulichen Grundfesten, u. a.einem großdeutschen Kultur- und Staatsbewusstsein und einem gelebtenKatholizismus, verbunden. Er versucht nun aber, gewissermaßen auf die-sem Fundament, in viele politische Richtungen zu wirken und seine Ide-en von„ Volk“ und„ Volkstumspflege" möglichst umfassend zu verbreiten.Geramb hat auch in einem verschärften politischen Klima, einem rigoro-sen Lagerdenken mit konstruierten Feindbildern kein Problem, auf die ver-meintlichen„ Feindlager" zuzugehen. Er sieht sich als über den Parteienund ihren Zwängen stehend, nur seinem Fach verpflichtet. Geramb kann
GERAMB LEBEN 47