IV. Zusammenfassung der Ergebnisse.
Überschauen wir nach all den vielfältigen Einzeluntersuchungen die gewonnenen Gesichts-punkte gleichsam von einer höheren Warte, so stellt sich uns der Bestand der VolkskunstSüdosteuropas als eine vielgliedrige Summe, viel mehr denn als eine organische Einheit dar.Im Treffpunkt dreier großer künstlerischer Kulturen gelegen, der geschichtlichenMittelmeerkunst, der unpersönlichen islamischen Kunst und der zeitlos ungeschichtlichen Kunst Ost-europas, offenbart sie bedeutungsvolle Ausblicke nach allen drei Seiten, mag ihr auch die Rolleeines schöpferischen Mittelpunktes für jede derselben versagt geblieben sein.
Abseits stehen nur die Leistungen der Metalltreibarbeit an Gefäßen und sonstigem Haus-rat, die ihre besten Kräfte aus fernem östlichem Mutterschoß gezogen hat. Verkümmert und viel-fach spielerisch verunstaltet sind ferner die Schöpfungen der Töpferei, ungleich den bildnerischenKunstwerken des von der klassischen Kunst erzogenen Westens.
Schmuck und Trachtenzier und einiges persönliches Gebrauchsgerät aus Holz sinddie hervorragendsten Besitztümer und Besitztitel, auf die das Volkstum dieser Länder seinen An-spruch auf einen Platz in der Kunstentwicklung gründet. Was es selbst davon schöpferisch ge-staltet hat, ist herzlich wenig.
Volksmäßige Besonderheiten treten nur im Musterschatz der Trachten und an gewissen Holz-geräten auf, doch sind auch diese Unterschiede in erster Linie landschaftlich umgrenzt und nichtals„ nationaler" Besitz anzusehen.
Die Einheit des Grundcharakters der einzelnen Gruppen, die somit überall gleichmäßig vor-herrscht, wurzelt einerseits in alter von Handel und Verkehr ausgeglichener Kultur und wurdeanderseits auch durch den regen Umzug, die Aus-, Zu- und Rückwanderung ganzer Volksschwärmeim Verlauf der kriegerischen Wirren und Staatenbildungen herbeigeführt, die von der Völker-wanderung bis in die Neuzeit auf diesem Boden angedauert haben.
Den größten Teil des Volksschmuckes machen Typen der vor- und frühgeschichtlichenSchmuckarbeit Osteuropas aus; Eigenständigkeit können wir aber selbst den vorgeschichtlichenFormen kaum zubilligen; vielleicht, daß sich nordisch- völkerwanderungszeitliche Formen undder Gehängeschmuck nach ihren ursprünglichen Trägern auseinanderhalten lassen. Mit dem Zeit-alter der Renaissance beginnt das Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag Abendland immer stärker auf Formen und Zier Einfluß zu üben;ein bemerkenswerter Beleg für den aktiv schöpferischen Zug, der in der Kunstentwicklung Europasdamals auflebt. Durch sie werden erst einzelne Techniken, Treibarbeit und Filigranarbeit zu ihremjetzigen Bestand weitergeführt, so daß im Schmuck tatsächlich Ableger aus allen Schichten dereuropäischen Kunstentwicklung vorliegen. Er weist hier weder volksmäßig noch gesellschaftlichüber die weitesten Strecken hin wesenhafte Abwandlungen auf.
Stärker betont stehen in der Textilkunst die volkstümliche Gruppe der Stickereien, städtischeArbeiten alter Überlieferung( Staats- und Prunkgewänder) und modische Arbeiten neuerer Zeiteinander gegenüber.
In den volkstümlichen Arbeiten tritt uns vor allem die vorgeschichtslose geometrischeKunstübung Osteuropas entgegen, die bedeutungsvolle Auswirkung in der orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Teppich-erzeugung, wie überhaupt in der islamischen Kunst gewonnen hat, in ihrem volksmäßigen Besitz-stand aber vor allem von indogermanischen Volksgruppen erarbeitet erscheint.
Überraschend viel römische und oströmische Überlieferung offenbart eine nähere Untersuchung
der doch so ganz unantik anmutenden Prunkgewänder.
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