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Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
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RAGNZA

ANTIK JECERMA

einer künftigen Arbeit geboten werdensoll; endlich ist noch eine Gruppe vonSeidenstickereien( vorwiegend rot- blaugemustert) zu erwähnen, die in der Regelmit Kolo tanzenden Figuren geziert istund nach marktläufigen Angaben aufKreta beheimatet ist.

Was diesen vielfach volkstümlichrealistisch erzählenden und darum leben-digen Schöpfungen kunstgeschichtlichesInteresse verleiht, ist vor allem dieAltertümlichkeit des Vorwurfs der zuReigen vereinten, meist blumentragen-den Paare und Figuren, der sich überReliefdarstellungen an mittelalterlichenGrabsteinen in Bosnien auf altchristlicheSarkophagreliefs in Dalmatien undAbb. 29. Schnittmuster einer Weste aus dem Jahre 1672.letzten Endes auf die figürliche KunstNach G. Arsenović. Ethnogr Museum, Belgrad.der klassischen Welt zurückführen läßt[ 23, 56]. Ist es doch auch ein Stoff, der wie die in alten, gleichsam monumentalen Formen erhaltenenFeierlichkeiten der Hochzeit selbst von ewigmenschlichen Zügen des Volkslebens erzählt und soüberall leicht Eingang in das volkstümliche Kunstschaffen gefunden hat; so auch in der mittelalter-lichen Stickerei nördlich der Alpen. So trägt der Sohn des Meier Helmbrecht eine gestickte Kappe,die an der Vorderseite die Darstellung eines bräutlichen Reigens zeigte: ie zwischen zwein meidengie, ein knabe der ir heute vie da stuonden videlaere"[ 62].

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Phot. Hdt.

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Fassen wir die Ergebnisse dieser in Wort und Bild nur flüchtigen Umschau über den prangendenReichtum der Nadelkünste der Frauen in Südosteuropa zu objektiver Betrachtung und Wertungvom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt zusammen, so ergibt sich eine außerordentlicheGleichartigkeit der Arbeitstätigkeit im ganzen weiten Osten Europas, vornehmlich auf slawischemund finnischem Volksgebiet. Uralt und wenig entwickelt sind die Arbeitsorganisationen, die besondersim Umkreis von Kirchen und Klöstern sich herausgebildet und hier auch reichlich Stoff und Anregungfür ihre künstlerische Entwicklung erlangt haben. In Bulgarien sind nach C. Jireček die meistenFrauenklöster nichts anderes als freie Arbeitsvereinigungen für solche weltliche Betriebsamkeit[ 32]und die Umschau über die Muster und der Stilentwicklung lehrt hier wie anderwärts, daß dasVolk den Weg zur Kirche auch hier als den untrüglichsten Pfad zur Kunst gesucht und verfolgthat. Die technischen Behelfe sind bis herauf zu den Web- und Wirkstühlen hochaltertümlich undgeben allenthalben der Handarbeit ein übriges zu tun. Wie ein lebendiger Rest des griechischenAltertums mutet uns diese Kunst an, wenn heute noch im Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient bis Ostasien die Arbeitsgeräteunter einem Vordach, auf einem Altan, einer Veranda zur Aufstellung gelangen. In der Tat habenwir für die Techniken aus klassischer Zeit die ältesten geschichtlich beglaubigten Belege namhaftmachen können, ihre breite volksmäßige Erstreckung in der Gegenwart gibt uns das Anrecht, ineiner solchen den Ursprung auch jener alten Arbeiten zu suchen.

Dabei bewahrt die ländliche Bevölkerung die altartigsten Ziermuster; uns heute mehr zumDank, als wir ihn mancher geschichtlichen Raritätensammlung höheren Formensinnes wissen.

Mehr stilistische und modische Bereicherung bis auf die heutige Zeit hat der Fleiß der Frauender türkischen( mohammedanischen Glossar ::: zum Glossareintrag  mohammedanischen) Harems gewonnen, in einem kulturellen und stilistischenWerdegang, der sich vielfältig mit dem Kunstwandel des Abendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendlandes verknüpft zeigt, und, wiewir nach der Höhe der Kunstfertigkeit in der Besweberei u. s. w. hoffen dürfen, auch in Zukunftsich ihm blühend gesellen wird.

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In Vorderasien und dem Inselgebiet hat westlicher Handelsgeist sich längst um-