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Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
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Sie sind durchwegs Haremsarbeiten, Leistungen eines verfeinerten städtischen Hausfleißes inden oberen Gesellschaftsschichten, die es sich wie die nadelfleißigen Damen des Abendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendlandeszur Ehre anrechneten, diese erlesenen Stoffe und Stickereien als Schau- und Prunkstücke despersönlichen Luxus wetteifernd im Familienkreise zu schaffen. Die Kunst, zart durchscheinendeStoffe aus einem tüllartigen Baumwollgewebe mit glänzendem streifigem Seidendurchschuß herzu-stellen, ist solchermaßen ein Ruhmestitel der türkischen Frauen auf der ganzen Balkanhalbinselgeworden( Abb. 27, 28). Die schönen, auch im Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendland marktfähigen Erzeugnisse wurden aller-dings bisher nur im Westen der Halbinsel in größeren Mengen für den Handel bereitgestellt, sonamentlich in Bosnien; in der Regel blieben sie dem engeren Heimatsgebiet erhalten.

Heute im Zeitalter des Mangels und der weitgehenden Streckung aller Rohstoffe gewinnen diese Halb-seideerzeugnisse als Vorbilder auch für unsere Industrie erhöhtes Interesse, wobei es ein kulturgeschicht-lich bemerkenswerter Zufall will, daß sie dem Bedürfnis nach Streckung des Seidenmaterials aller Wahr-scheinlichkeit nach ihre Erfindung verdanken[ 3, 38].

Schon im römischen Kaiserreich werden neben ganzseidenen( holosericae) halbseidene( subsericae),auch coische Gewänder genannt, die die Reize der damaligen Libertinen mehr enthüllten als bedeckten.Wir werden uns am besten über ihre Beschaffenheit Aufschluß holen, wenn wir die durchsichtigenspitzenbesetzten türkischen Seidenhemden der Gegenwart zum Vergleich heranziehen, Kunstwerke, derenschimmernder Zauber allerdings heute unter der strengen Verhüllung orientalischer Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalischer Trachtensitte sich birgt.Die Streckung zu halbseidenen Stoffen wurde vorgenommen, da Seide damals nur in sehr geringen Mengen,die der Nachfrage bei weitem nicht genügten, über die Handelswege des Ostens nach Vorderasien kam,und zwar vielfach in Gestalt schon fertiger Seidenstoffe, deren Gewebe man wieder auftrennte, um dieGrundfäden, wie oben geschildert, in gestreckter Art neu zu verweben.

Es kann gerade diesem Hausfleiß im Gegensatz zu den weniger günstigen Aussichten, die für eineErhaltung der künstlerischen Formen der Stickerei sich eröffnen, wohl auch in Zukunft eine Rolle imkaufmännischen Leben dieser Länder gesichert bleiben, wenn es gelingt, einerseits die Seidengewinnungdieser Länder entsprechend auszugestalten, anderseits geregelte und dauernde Absatzverbindungen zu schaffen.

Der Sinn zur Entwicklung dieses Hausgewerbes ist heute noch an Ort und Stelle in allenStänden rege und es gilt, ihn mit Verständnis zu zügeln und zu steigern. Muster und Vorbildhierin wie zu aller geschäftsmännischen Ausgestaltung und auch Ausbeutung nicht immer freilichim besten Sinne des bodenständigen Hausfleißes sind im ganzen östlichen Mittelmeergebiet dieLeistungen der venezianischen See- und Handelsherrschaft namentlich im 18. Jahrhundert. Wirbeschränken uns hier zwar im allgemeinen auf die Darstellung jener volkskünstlerischen Leistungen,die im täglichen Leben, in der Tracht des Volkes ihren von Gebrauch und Herkommen festbe-gründeten Platz einnehmen, wollen es aber nicht versäumen, der hausgewerblichen Entwicklungder Textilkünste unter dem Einflusse des seinerzeitigen Welthandels kurz zu gedenken.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die venezianischen Kaufherren wie alle Faktoreienabendländischer Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischer Kaufleute das alte Hausgewerbe mit allen, oft sehr rücksichtslosen kaufmännischenMitteln jeweils dahin ausgestaltet haben, weltläufige Marktware zu erzeugen[ 41].

Eine noch nicht fremden Bedürfnissen dienstbare, sondern diese mit ihrem Prunk schöpferischbefruchtende alte Kunstübung ist etwa die prächtige flächenfüllende Stickerei in Rhodiser Art, aberschon die in Holbein- und Kästchenstich ausgeführten Besätze und Stickereistreifen aus dem17. Jahrhundert, die vermutungsweise auf den griechischen Inseln gearbeitet wurden, sind wohl bei dendortigen billigen Arbeitskräften unter Vorschreibung der Muster bestellte Ware für den Bedarf derKirchen und Klöster wie der vornehmen italischen Häuser. Stärksten abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen Einfluß verraten diemassenweise für den Handel hergestellten Besatzstreifen mit üppigem Blumenvasenschmuck vonder Insel Kreta und vollends ist die Spitzenerzeugung als eine fremden Bedürfnissen dienendeIndustrie allenthalben mächtig von der venezianischen Republik gefördert und neu eingepflanzt worden.Vorwiegend hat man allenthalben Reticellaarbeiten begehrt; bekannt und nach ihren Schicksalen mehrfachbeleuchtet ist die Spitzenerzeugung auf Pago, uns weniger geläufig die der Insel Zypern sowie die Reticella-arbeit von Nordalbanien( Skutari), die hier in Klosterschulen bis auf den heutigen Tag überliefert wirdund vorwiegend den Bedürfnissen der reichen Städterinnen dient.

Überhaupt hat die katholische Kirche in ihren Heiligtümern und Klöstern allenthalben Pflanz- undPflegestätten der Spitzenerzeugung für liturgische Zwecke geschaffen, was gegenüber dem farbigen Ritualeder orthodoxen Kirche einen auch die Volkskunst beeinflussenden Gegensatz hervorgebracht hat( Bruck-Auffenberg a. a. O., S. 15).

Nur die Häkel- und Klöppelspitzen in Dalmatien und Bosnien sind wirklich volkstümliches Erzeugnisgeworden. Die Reticellaarbeiten sind nirgends über geometrischen Aufbau in Stern- und Zackenmustern

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