Was diese Erzeugnisse unserem neuzeitlichen Geschmack wiederum so außerordentlich zusagenläßt, ist vielleicht gerade diese Losgelöstheit von geschichtlich gebundenen, dabei in ihrerWirkung längst schon bis zur Verödung ausgebeuteten Kunststilen und nicht weniger auch ihreglückliche Farbengebung, die allerdings auch wieder nicht so sehr in weiser Zurückhaltung über-legenen Kunstempfindens, als vielmehr in der Einschränkung auf die der Natur abgewonnenenFarbenstoffe zu erklären ist.
Es ist die Schönheit der natürlichen Pflanzen- und Erdfarben, auch in ihrem Alternund Welkwerden, die wir hier immer wieder als verlorenen Schatz entdecken.
Den neuzeitlichen Künstlern und„ Fabrikanten" steht ihr ganzer Zauber in gleicher Weise wieje zu Gebote, wenn er sich nur ihrer als Mittel bedienen kann und will, eine Forderung, die fürhöher zu bewertende kunstgewerbliche Arbeiten gewiß auch bei uns durchführbar wäre. Die Be-sinnung wird einer, oft lächerlichem Luxus frönenden Zeit hoffentlich nicht nur in spielerischerLaune kommen. Zur Warenkunde findet der ernster denkende Kunsthandwerker alles Bemerkenswertein Büchern längst bereitgestellt. Volkswirtschaftlich kann auch dem modernsten Geschäftspolitikereine reine Industrialisierung der Balkanvölker vom Fleck weg in keiner Form als ein aussichtsreichesUnternehmen erscheinen; so ist es Pflicht all unserer künstlerischen Arbeiter, diesen Hausgewerbenin einer unserem Schönheitsbedürfnis wahrhaft dienenden Form ein vorläufiges Weiterleben mindestensnicht unmöglich zu machen.
2. Stick- und Wirkarbeit an feinen Grundstoffen.
Die Auszier der weiblichen Trachten( Hemdstickerei).
Freier als die künstlerische Gestaltung der Wirkarbeit hat sich die Entwicklung der Gewand-stickerei und Zierstickerei auch im häuslichen Kreise bei den Völkern Südosteuropas vollzogen.Sie tritt uns hauptsächlich an den Hemdröcken der Frauen, wie auch an verschiedenen Schmuck-und Ziertüchern entgegen.
Der Hemdrock ist im ganzen hier ins Auge gefaßten Gebiet und weit darüber hinaus bisZentralasien das Hauptstück der weiblichen Tracht, manchmal das einzige den Rumpf bedeckendeGewandstück überhaupt. Es wird allenthalben naturgemäß aus festerem Grundstoff hergestellt, alswelcher hier seit grauer Vorzeit ein grobes Hausleinen bezeugt ist.
Derlei genähte Hemdröcke scheinen gerade auf illyrischem Boden schon im Altertum als ein nor-discher Typus im Gegensatz zur bloß geschürzten Tracht der klassischen Völker sich herausgebildetzu haben, darauf deutet Name und Form der„ Dalmatica“ in der kirchlichen Liturgie; und verschiedeneVerordnungen und Erlässe in Rom unter Kaiser Commodus schon im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung,welche die„ Dalmatica" als männliches und weibliches Trachtenstück schon ziemlich häufig erwähnen,zeigen, daß diese genähten Gewänder damals auch schon in der Hauptstadt des Reiches sich einzubürgernbegannen( vgl. Bruck- Auffenberg a. a. O., S. 39)[ 38].
Bei den Thrakern hinwiederum fiel ferner den Griechen die bunte Auszier der Gewandstückeauf, die sie übrigens auch bei verschiedenen anderen Barbarenvölkern Glossar ::: zum Glossareintrag Barbarenvölkern des Nordens und Ostens kennenlernten. Daß es sich dabei tatsächlich vielfach um Stickerei gehandelt habe, dürfen wir vielleicht ausdem Namen der„ phrygiones" schließen, der römischen Benennung für die gewerblichen Sticker,die man auf das Vorbild der Phryger Kleinasiens bezieht. In der Tat ist es nicht unwahrscheinlich, daßdie Phryger als Tochtervolk der Thraker hier im blühenden Feld orientalisch Glossar ::: zum Glossareintrag orientalisch bunter Zierkünste altegewohnte Handfertigkeit zu besonderer Blüte entfaltet haben und der„ phrygische Stich", wie man ver-mutungsweise gerade den Kreuzstich zu nennen pflegte, würde gleichfalls keinen Fremdling im volks-kundlichen Bilde Südosteuropas, wie wir es heute vor uns haben, bedeuten[ 38]. Jedenfalls mangeln uns heuteaber noch die tatsächlichen Belege, um diese ältesten Andeutungen mit dem heutigen Volkskunstbesitz zuverknüpfen.
Mit dem Schmuck der antiken Trachten aus der frühchristlichen Zeit, ihren farbigen Spangenund runden und blattförmigen Einsätzen an Brust und Schultern haben die heutigen Arbeiten nurdie Technik gemein; in den Mustern ist jede Beeinflussung durch die klassisch- mittelländischeKunst wieder gewichen und von viel altartigeren volkstümlichen Kunstformen verdrängt worden.
Wir haben in Überresten frühchristlicher Zeitstellung somit gewiß lediglich die modische Hochblütealter volkskundlicher Gewandzier in zeitlich vorübergehenden Formen vor uns. Dagegen zeigen die dem
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