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Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
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Bedeutung harmonischer Größenverhältnisse zum Ausdruck, wie dies auch anderwärts bei weitemaber nicht durchgängig beobachtet werden kann. Zu besonders reichlicher, hochplastischerSchnörkelung des Rankenwerks sind einzelne zisilierte Arbeiten fortgeschritten und an eben den-selben Stücken scheint die Vereinigung dieses Zierats mit figuralen Mustern merkwürdig. Sofindet man namentlich in Albanien nicht eben selten Architekturstücke, Moscheen und Minaretts,aber auch Moscheenkuppeln allein und für sich als bildlichen Schmuck unter dem Rankenwerk( Taf. V, 6).In wahrhaft abenteuerlicher Weise sind derartige Architekturteile einbezogen in die Stickmuster al-banischer und makedonischer Prunkmäntel, wie sie beispielsweise durch den serbischen Schneider undKünstler Arsenović in seiner südslawischen Schnittmustersammlung uns überliefert sind. Man kann hiervon einer Art Klassizismus des Ostens sprechen, etwa einem Gegenstück zu den flott hingeworfenenBildchen des abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen Empire, wobei die höheren künstlerischen Vorlagen hiefür in dem bild-haften Freskenschmuck von Moscheen und Herrenhäusern zu suchen sind, die in Albanien besonders deutlichauf westliche Einflüsse des 18. Jahrhunderts( Abb. 14 u. 15) hinweisen. Als Gegenstück hiezu findetsich auf einem Reliquienschrein des Kirchenschatzes von Ipek die Darstellung des Innern einer Kirche ineinem ganz seltsamen, planskizzenartigen Aufriẞ( Taf. VI, 6).

Den Übergang zu östlichen Mustern und zeichnerischen Vorwürfen bilden Blütenzweige,von Vögeln belebt, die nicht nur auf den Gürtelschließen und getriebenen Zierplatten erscheinen,sondern auch der Schnitzkunst als Zierde von Truhenbrettern geläufig sind und in der Bemalungvon Wandverkleidungen eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Orientalische Glossar ::: zum Glossareintrag  Orientalische Vorwürfe sinddie Palmenwipfel und palmettierten Blütenzweige mit granatapfelartigen Früchten oder Knospen, imInnern mit der charakteristischen Körnung dieser Fruchtart versehen( Taf. V, 13). Auch dieseMuster besitzen kein sehr hohes Alter. Wir müssen sie uns wohl in gleichsinniger Stilentwicklungwie die abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen Pflanzenmuster von der Barocke bis zum Rokoko und nicht ohne gegen-seitige Beeinflussung entstanden denken. Heute wie vordem neigt ferner die Technik zur Verein-fachung und Auflösung, in Schnörkel und blasenartige Formen, ähnlich auch der Treibarbeit an denMessingscheiden der Handschars, an den Gewehrschäften u. s. w.( Abb. 16). Es ist das dem östlichen Mittel-meer und insbesondere der islamischen Kunst altgeläufige Arabesken bzw. Rankenmuster,meist in Form der einfachen Wellenranke, das allen Arbeiten zugrunde liegt, vielfach aber in sehrbemerkenswerterweise geometrisiert wird, wodurch Konvergenzen so gut mit frühmittelalter-lichen wie mit zentralasiatischen oder La Tène- zeitlichen Formen vielfältig und immer wiederentstehen, denen wir aber keinerlei entwicklungsgeschichtliche Bedeutung zumessen können.

Es ist, wie gesagt, die technische Grundlage, die diesem Stilprinzip immer wieder, da die reineKunstform von keinerlei Kunstwollen bewußt hochgehalten wird, zum Durchbruch verhilft. Die Filigranarbeitleitet ganz natürlich zu spiraligen Einrollungen, die Aufnäharbeit an Prunkgewändern findet in derspiraligen Rollung von Goldfäden, Litzen und Borten gleichfalls vielerlei Erleichterung für die freistickendeHand; auch in der Gravierung wie im Holzschnitt bedeutet diese Geometrisierung Arbeitsersparnis. Außerdemmag auch der bildlose Stil der mohammedanischen Glossar ::: zum Glossareintrag  mohammedanischen Kunst, der sich im Buchschmuck wie in der Gewandzierim 16. und 17. Jahrhundert reichlich in reiner geometrischer Linienführung ergangen ist, das Formgefühlder Volkskünstler beeinflußt und bestimmt haben. So finden wir schließlich stellenweise einen Rückfallin prähistorische Motive, Spiralbänder, S- Spiralen und konzentrische Kreismuster vor.

Was die Bevorzugung des Blattrankenmusters gerade an diesen Arbeiten angeht, so sei daran erinnert,daß dieser Zierat an sämtlichen Metallarbeiten des islamischen Kunstkreises, an getriebenen Kupfergefäßensowohl wie in geschnittenen Eisenarbeiten eine hervorragende, ja sogar beherrschende Rolle spielt; vonhier aus erklärt sich, beiläufig bemerkt, wohl auch ihre Übertragung auf die Kürbisflaschen, die gleich-artig etwa in Südungarn und Chinesisch- Turkestan auftritt und auch am Nordrande Afrikas den Stil-charakter der Kalebassenmuster bestimmt.

3. Zusammenfassung über die geographische Verbreitung undden kulturgeschichtlichen Werdegang des Schmuckes.

Wir sind bisher einer vorwiegend entwicklungsgeschichtlichen Untersuchung der einzelnenSchmuckformen und der Technik, der sie entstammen, gefolgt. Um das Wesen dieses Entwicklungs-ganges und damit der kunstgeschichtlichen Stellung der einzelnen Ländergebiete zu erfassen, istes nunmehr nötig geworden, uns der geographischen Verbreitung der einzelnen Gruppen in großen

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