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Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
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2. Alter und geschichtliche Verbreitung der Formen und Techniken.

Draht-, Guß- und Blecharbeiten.¹)

Zu den altartigsten Schmuckformen, die in all der bunten Fülle von Geschmeide undklirrendem Tand der Balkanvölker, wie wir ihn übersichtlich aufzählten, auftauchen, müssenoffenbar gewisse Gürtelanhänger Dalmatiens gerechnet werden, die im Grund genommenaus drei Reihen Ketten aus Messingdrahtröllchen, befestigt an einer Radscheibe, bestehen. In dergleichen Ausführung ist hier Zopfschmuck bekannt geworden, bestehend aus drei Speichenrädern,eingefaßt von zwei Leisten mit Messingdrahtwicklung, mit Eisenkern und Glasperlen- sowieKlappermünzenbesatz( Abb. 4). Sie sollen angeblich quer über den Haarflechten getragen werden.Man findet zahlreiche Entsprechungen hiezu in den Haartrachten osteuropäischer Völker( Mordwinen,Tscheremissen) wie auch der Völker Turkestans und Zentralasiens, Kirgisen u. s. w.[ 2, 9, 27, 60].Zeitlich läßt sich solcherlei Röllchenschmuck bis in die jüngere Eisenzeit Ost- und Südost-europas zurückverfolgen und scheint hier ein ununterbrochenes Fortleben gefunden zu haben[ 58]. Dasgleiche gilt von den ersterwähnten Gürtelanhängern, die zur althergebrachten Tracht in ganz Osteuropabis nach Tibet gehören und heute noch wie gewisse Gehänge der älteren Eisenzeit Mitteleuropas zurAnbringung von Ohrlöffelchen, Pfriemen, Messerchen, Lochnadeln, letztere manchmal noch aus Gelbgußmit Radscheibenkopf wie ehedem gefertigt, dienen[ 11]. Ähnliche Behänge werden auch aus Lederstreifenmit Zinnietenbeschlag hergestellt. Die neueren Gürtelanhänger unserer alpenländischen Trachten sindwohl auch nichts anderes als Fortbildungen solch alten Beiwerks.

Eine sehr alte Ziertechnik stellt ferner der Beschlag von Ledergürteln und Gurtbändernaller Art mit Metallnieten aus Zinn oder Gelbguß dar. Ein derartiger Beschlag taucht zumerstenmal in Europa gleichfalls wieder in der Reihe der Schmuckgürtel und Koller der älterenEisenzeit auf.

Erstere sind, mit runden Bronzeknöpfen versehen, aus den Alpenländern westlich bis zu denfranzösischen Alpen, vornehmlich aber aus Bosnien belegt, und die gleiche Verbreitung weisen auch dieBrustpanzer oder Koller auf, die als Unterlage für bronzene Buckelknöpfe ähnlich den besprochenengedient haben müssen[ 15]. Noch heute finden sich Entsprechungen dieser alten Koller in der Prunk-tracht der Männer im südlichen Dalmatien, der Herzegowina und Montenegro, wobei der Beschlag aller-dings, der mittelalterlichen Technik folgend, seinen Stilcharakter so gut wie völlig geändert hat.Dagegen ist der Kunstgeschmack der östlichen Karpathenvölker, vor allem der Huzulen, noch aufder Urstufe stehen geblieben und hier finden wir dem entsprechend Gürtel und Taschen, die nochganz urtümlichen Knopfbeschlag aufweisen. Inwieweit hiefür unmittelbare örtliche Überlieferung oder aberÜbertragung durch primitive Glossar ::: zum Glossareintrag  primitive Einwanderer maßgebend ist, ist schwer zu entscheiden.

Im allgemeinen tritt dieser Zierstil heute mit neueren Mitteln in Erscheinung, und zwar inForm des Zinnbeschlages, so auf Taschen, Gürteln, Kniebändern u. dgl. Hiebei gelangensowohl Einzelstifte wie auch größere Ziernieten, endlich Blechstreifen und geschnittenes Blech,das in Nachahmung von Nietenreihen gemustert wird, zur Verwendung( Abb. 5, 6).

Wie alt diese offenbar aus der Benagelung von Gegenständen hervorgegangene Zierweise ist,ist kaum zu verfolgen. Auf Holzschalen ist Zinnstiftenbeschlag auch wieder zum erstenmal an Fundenaus der jüngeren Eisenzeit aus Schweden belegbar[ 40]; ob, wo und wie hier Zusammenhängegesucht werden könnten, ist aber durchaus fraglich. Heute ist die Technik des Stiftenbeschlages aufGürteln u. s. w. vorzugsweise auf die östlichen Alpenländer und das adriatisch- illyrischeKüstengebiet beschränkt, vielleicht ein Fingerzeig für ältere Bodenständigkeit in diesem Gebiet. Dies-bezüglich wurden Andeutungen über kulturgeschichtliche Beziehungen größeren Umfanges bereits anheute kaum zulässig.anderem Ort geboten[ 23], mehr scheint bei ernster methodischer ArbeitBemerkenswert ist jedenfalls, daß in der Reihe der mit Zinnstiften verzierten alpenländischen Gürtel, dievorwiegend mit dem hier landläufigen Ornamentschatz der Volkskunst arbeiten, einzelne Stücke mit mehrgeometrischer Zier, Rosetten und Sternmustern, ähnlich den illyrischen Arbeiten, unterlaufen.

In voller Blüte stehen geometrische Muster, wie sie vor allem die altchristliche Symboliküberliefert hat, auf dalmatinischen Viehsalztaschen und den einseitig, meist halbrund geschweiftenGürteln, auf denen vor allem Radkreuze, Speichenräder, überhaupt Rundmuster vorkommen, allesnach Art der völkerwanderungszeitlichen Kunst mit Glassteinen u. s. w. geschmückt und¹) Vergleiche hiezu vor allem das unter[ 2] angeführte Werk von F. R. Aspelin und[ 66] L. Niederle sowieN. Bruck- Auffenberg[ 3].

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