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Eugenie Goldstern und ihre Stellung in der Ethnographie : Beiträge des Abschlusssymposions zur Ausstellung "Ur-Ethnographie. Auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur. Die Sammlung Eugenie Goldstern" ; Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 3. bis 5. Februar 2005
Entstehung
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2005, Heft 2-3

Das primitivistische Erbe der Volkskunde

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rig sind. Relativ unstrittig dürfte immerhin sein, dass die volkskund-liche Kulturwissenschaft ihre Facherfahrung mit kulturromantischenbis primitivistischen Sehnsüchten weiterhin zur Beschäftigung mitalltags- und popularkulturellen Ausdrucksformen des Unbehagens inder Moderne nutzen sollte. Dabei geht es nicht nur um traditionelleFormen von Moderneflucht, etwa um das deutsche Volk- Wald- Hei-mat- Syndrom, sondern gerade auch um deren modernisierte Varian-ten: um Primitivitäts Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitivitäts- Anleihen auf dem esoterischen Lebensreform-Markt ebenso wie um unternehmenskulturelle Rekurse auf Stammes-rituale. Überdies mehren sich notgeborene Rückgriffe auf vormo-derne Lebensweisen: die Revitalisierung von Clans z.B., die Treue-schwüre auf einen Paten, die bei manchen langfristig aus demArbeitsmarkt ausgeschlossenen Gruppen zu beobachten sind., Viel-leicht, überlegt Thomas Hauschild am Beispiel der in amerikani-schen Mafiakreisen spielenden Fernsehserie ,, Die Sopranos,, viel-leicht können die Kulturen, die den Kapitalismus nicht erfundenhaben, mit seinen Folgen viel besser leben als die white Anglo- Saxonprotestants, weil sie keine verinnerlichte Moral haben, aber dasKorrektiv durch die Großfamilie, eine expressive und mimetischeSeelenkultur besitzen und eine Verankerung in den Lehren und Bil-dern der ältesten Organisation der Welt, der katholischen Kirche.❝34

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Die Erfahrungen mit sei's harmlos- verqueren, sei's völkisch- ag-gressiven Talmi- Primitivismen haben die volkskundliche Kulturwis-senschaft zu einem primär kritischen Umgang mit kulturellen Re- vo-lutionsversuchen erzogen. Doch diese Haltung sollte nicht ins Lagerder Fortschrittsgläubigen führen, die- wie Claude Lévi- Strauss essagte ,, Gefahr laufen, die ungeheuren Reichtümer zu übersehen,welche die Menschheit links und rechts jener engen Rille angehäufthat, auf die allein sie ihre Blicke heften.❝35 Die Rede von den ,, Reich-tümern" der Vergangenheit passt dabei nicht zu einer komplexi-tätsflüchtigen Haltung, der es um die Wiedergewinnung einer imagi-nierten vormodernen Einfalt geht, sondern viel eher zu einem Ver-gangenheitsinteresse, dem es um die Vermehrung heutiger Denk- undHandlungsmöglichkeiten zu tun ist. Wenn sich z.B. der Volks- undVölkerkundler Dieter Kramer, der sich immer wieder dem, Angriffder Gegenwart auf die übrige Zeit verweigert hat, für die kulturellen

34 Hauschild, Thomas: Lernt von den Sopranos. Wie man eine Serie als ethnologi-sche Studie zukünftiger Verhältnisse begreifen kann. In: Die Zeit, 16. Juni 2000.35 Lévi- Strauss, Claude: Traurige Tropen. Köln 1970, S. 363.