2005, Heft 2-3
Goldstern und Bessans
Ur- Ethnographie und Moderne
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Es ist richtig und nicht nur ein Zufall, dass die Klassische Moderne derKunst- und Architekturgeschichte weitgehend deckungsgleich mit derentscheidenden Schaffensperiode Eugenie Goldsterns ist. Die Usurpati-on von Rütimeyers Begriff Ur- Ethnographie verstärkt diesen kontrasti-ven Charakter umso mehr, als es sich um einen Fundus zeitgenössischerGegenstände handelt, der nun traktiert wird, als ob das Inventar einerprähistorischen Stammesgesellschaft inmitten einer Hochkulturgesell-schaft zur Debatte stünde. Diese Einordnung als Stammesgesellschaftist unsere Konstruktion, mit der nicht nur die klassische Moderne in den1920ern das Einfache nobilitiert und gegen das Komplizierte ausspielt.Eugenie Goldstern hat die Leute von Bessans kaum zur Stammesgesell-schaft der Ur- Ethnographie werden lassen. Das ist ihr Verdienst.
Ein letzter Aspekt, der für die Volkskundlerin Eugenie Goldsternspricht, ist das Verhältnis zu den Bauern, bei denen und mit denen sielebte: Sie behandelt sie wie normale Menschen und nicht wie rück-ständige Urzeitler.40 Ganz anders äußert sich später der renommierteNiedersachse Kurt Heckscher, der meint, es seien„, persönliche Un-annehmlichkeiten mit dem Sammlerleben verbunden. Man muß tun-lichst in dem Dorfe wohnen, in dem man gerade arbeitet, und mandarf sich nicht daran stoßen, von einem deckenlosen Tisch zu essen,der nicht gerade allzu häufig mit dem Schrubbesen in Berührungkommt, mit Bestecken zu essen, die man nur bei geschlossener Nasezu Munde führen kann, in Betten mit turmhohem Bettzeug zu schla-fen, das modrig riecht, denn der Bauer öffnet die Fenster nicht gern:im Sommer um die Hitze nicht ins Haus zu lassen, im Winter, um sienicht aus dem Hause zu lassen. Und solche Zustände findet man meistin Dörfern, wo am meisten zu holen ist und wo man infolgedessen amlängsten sich aufhält. Die Volkskunde steht eben im umgekehrten Ver-hältnis zur sogenannten, Kultur. Aber für all diese Unannehmlichkeitenwird man reichlich entschädigt, wenn man an lauen Sommerabendenmit guten, treuherzigen Menschen unter der Strohdachtraufe vor demHause sitzt[...]". 41 Wo, wie und was ist am meisten zu holen?
40 Siehe etwa die Einleitung zum Münstertal- Text. Goldstern, Eugenie: Beiträge zurVolkskunde des bündnerischen Münstertales. Wien 1922(= ErgänzungsbandXIV zur Wiener Zeitschrift für Volkskunde 1921).
41 Heckscher, Kurt: Das Sammeln volkskundlichen Materials aus mündlichenQuellen. In: Volk und Rasse, Heft 1, Januar( Eismond) 1930, S. 18-30; hier S. 29.