2005, Heft 2-3
Ur- Ethnographie und Moderne
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die in dieses ,, Ur" des Anfänglichen, in dieses naturhaft Archaische,unverdorben Ursprüngliche, metaphysisch Dunkle zurückreichenlassen. ,, Wurzeln“ und„ früher“,„ zurück“ und endlich„ Verlust"wären weitere sinnähnliche Stichworte dieses semantischen Umfel-des in unseren kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Dieses Ver-lustige allerdings kommt bei Eugenie Goldstern allenfalls verhaltenvor. Sie berichtet in ihren Schilderungen kühl und distanziert, dabeidoch den Menschen und ihrer Lebensweise zugetan. Sie beschreibtethnographisch –„ rein volkskundlich“- und zeigt sich für Stim-mungen der Natur, in der sie die Menschen eingebettet sieht, nichtunempfänglich. Sie schreibt, froh, dass sie es noch fassen konnte, dieGeschichte eines Abschieds ohne Verlust- oder Verfallsgeheul unddamit steht ihr ,, Ur" in einem anderen Kontext.
Das Wort Ur- Ethnographie, ein Rütimeyer- Begriff, der über dieAusstellung zu Eugenie Goldstern gesetzt wurde, hat sie selbst,soweit ich sehe, nicht verwendet. Es handelt sich hier also um einenBegriff der Klassischen Moderne, der gleichwohl gesellschaftlicheBefindlichkeiten der Zwischenkriegszeit aufnimmt und metapho-risch nicht völlig frei ist vom romantisierenden Schwärmertum ge-genüber dem Verlust kultureller Erscheinungen. Die Qualität derUr- Tracht, eine Vorstellung, die Victor von Geramb 1932 verfochtenhat, nimmt unkritisch auch der Katalog auf:„ Den realen Beweis, dassUmhänge aus Gras schon in der Urzeit hergestellt wurden, liefertschließlich der, Eismann' vom Hauslabjoch[ vulgo Ötzi]. Im Sinnevon Victor von Geramb kann hier also von einer Urtracht gesprochenwerden." 6
Nachdem die Volkskunden nach dem zweiten Weltkrieg seit deneuropäischen 1950er Jahren mindestens einige Jahrzehnte lang dasGeschäft einer nachträglichen und korrigierenden Historisierung derVolkskultur forciert hatten, irritierten die Begriffe„ Ur- Ethnogra-phie“ und Ur- Tracht, weil distanzierende Anführungszeichen un-sichtbar bleiben. Selbst heimisch- alpine Felszeichnungsfreaks sind indieser Hinsicht heute zurückhaltend, reden nicht mehr von„, ur".7
6 Katalog( wie Anm. 4), S. 15.
7 Adler, Helmut, Franz Mandl und Rudolf Vogeltanz unter Mitarbeit von RudolfLeitinger: Zeichen auf dem Fels. Spuren alpiner Volkskultur. Unken 1991.