Eine Krippe in Hinterglasmalerei
Ein Beitrag zur Geschichte des volkstümlichen Perseptkivbildes
( Mit 1 Figur im Text und 3 Abbildungen auf Tafeln)
Von Gislind M. Ritz, München
Unter dem so bedeutenden Bestand an Hinterglasbildern, den das Museumder Gemeinde Oberammergau birgt ¹), befindet sich ein sehr eigenartiges, vorallem für diese Technik höchst ungewöhnliches Gebilde: In einem 32 cm hohen,36 cm breiten und 9,5 cm tiefen kastenartigen Holzgehäuse, das vorne voneinem Profilrahmen mit geschnitzten Akanthus- Eckzieraten verkleidet ist 2),sind in geringen Abständen hintereinander fünf rechteckige Glasscheibeneingesetzt ³), die Hinterglasmalereien tragen. Während die beiden vorderstender Kastengröße entsprechen, nehmen die rückwärtigen an Höhe stetig ab.Auf diese fünf Scheiben sind nun Abschnitte und Details eines Bildes gemäßihrer tiefenräumlichen Stellung innerhalb desselben so verteilt, daß sie in ihrergeschlossenen Abfolge sich zu einer vollständigen Bildaussage ergänzen unddarüber hinaus für diese eine veritable Tiefendimension gewinnen.
Bei der Darstellung handelt es sich um eine Anbetung der Könige( Abb. 75).Jenseits eines kleinen Rasenstückes, das als Repoussoirmotiv dient, drängtsich im Mittelgrund die Gruppe der Könige und einiger Personen ihresGefolges dicht um die heilige Familie, die vor das Ständerwerk eines stroh-gedeckten, möglicherweise in eine große Ruine eingebauten Stalles gesetzt ist.Der Hintergrund besteht im Ausblick in eine weite, von Gebirge abgeschlos-sene Flußlandschaft, in der ein Steg zu einer burgartigen Kirche auf demSteilufer am rechten Bildrand führt. Im einzelnen trägt die erste Scheibe( Abb. 76) den Vordergrund mit dem Rasenstück, die beiden Knaben aus demKönigsgefolge am linken und rechten Bildrand sowie den von links sichnähernden und den in der Mitte knienden König; auf der zweiten Scheibe( Abb. 77) befinden sich die Muttergottes mit dem Kind vor dem Stall, derMohrenkönig Glossar ::: zum Glossareintrag Mohrenkönig und der Mohrenknabe Glossar ::: zum Glossareintrag Mohrenknabe mit dem Myrrhengefäß sowie die großenWolkenballen, zwischen denen der Stern aufleuchtet; die dritte Tafel ergänztin der rückwärtigen Öffnung des Stalles Ochs und Esel, zeigt in der Mitteden hl. Joseph und ganz rechts den Diener des Mohrenkönigs Glossar ::: zum Glossareintrag Mohrenkönigs mit einemFederfächer; als vorletztes Teilbild ist die Flußlandschaft mit Brücke undKirche gegeben, die sich wie durch eine große Arkade hindurch gesehen prä-sentiert, ohne daß allerdings der architektonische Zusammenhang völlig deut-lich würde, während die letzte, kleinste Scheibe schließlich die höchstenBerggipfel sowie Himmel hinzufügt 4).
Der kompositorische Aufbau der Darstellung ist sehr bewußt und überlegtdurchkonstruiert. Schließt sich die Gruppe des stehenden Königs links, der
454