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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Die österliche Fußwaschung am Kaiserhofe zu Wien

was snaged us basteter bastant ux slot!::Öffentlicher Brauch zwischen Hofzeremoniell und Armenfürsorge

( Mit 1 Abbildung auf Tafel)

isy by madillow voVon Klaus Beitl, Wien

Unter den zahlreichen Faszikeln des Archivs der österreichischen Volks-kunde, das Leopold Schmidt in den frühen fünfziger Jahren am Österreichi-schen Museum für Volkskunde als eine inzwischen längst bewährte Dokumen-tationsstelle eingerichtet hat ¹), befindet sich ein wohlgefüllter Aktenordner,, Fußwaschungs- Erinnerungen". Unter diesem Titel sind vereinigt alle Belege-Fragebogenantworten, Objektbeschreibungen, Aktenauszüge, Presseausschnitteund Literaturexzerpte, die vom volkskundlichen Standpunkt aus zum Themader kirchlich- liturgischen und der höfisch- zeremoniellen Gründonnerstag-fußwaschung an zwölf armen Personen als Darsteller der Zwölf Apostelgesammelt werden konnten.

Der Griff nach diesem Faszikel soll hier nicht in der Absicht erfolgen, alsHommagium für Leopold Schmidt einen Stoff auszubreiten, der in gemein-samer Bemühung zustande gebracht und teilweise auch schon bearbeitet wer-den konnte 2). Lediglich drei ausgewählte Dokumente zwei unpublizierteAktenstücke und ein noch nicht bekanntes Bildzeugnis sollen vorgelegt wer-den, die in besonderer Weise geeignet erscheinen, nicht nur die bisher gewon-nenen vielzähligen Einzelfakten in ihre funktionellen Zusammenhänge zurücken, sondern auch das Eingespanntsein der aus der liturgischen Praxis derBischofskirchen entlehnten höfischen Gründonnerstagsfußwaschung zwischenHofzeremoniell und Armenfürsorge aufzuzeigen ³).

Die von den christlichen Fürsten seit dem Mittelalter bis in die neuesteZeit nach dem Vorbild des Papstes und der Bischöfe am Gründonnerstag voll-zogene Fußwaschung war, wie Leopold Schmidt hervorgehoben hat, öffent-liches Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum, an dem außer der engeren Hofgesellschaft die Untertanendirekt und indirekt teilnahmen. Neben den zwölf armen Männern und zwölfarmen Frauen, die mit ihren Begleitern, meist engsten Anverwandten, zur Hof-zeremonie selbst zugelassen waren, erfuhren weite Bevölkerungskreise aus dengedruckten Specificationen", aus Zeitungsberichten und Erzählungen von die-sem alljährlich wiederkehrenden Ereignis 4). Überdies hielten zumeist inFamilienbesitz verwahrte Gegenstände wie die mit einem Doppeladler bemal-ten Fußwaschungskrüge und-schüsseln aus Steingut und Irdenware, gravierteZinnbecher, eigens gewebte Tücher, festliche Kleidungsstücke, Almosenbeutelund Bilder über Generationen hinweg die Erinnerung an die einem Familien-und Pfarrmitglied einmal zuteil gewordene allerhöchste Ehre wach. Ohne nen-

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