Wir dürfen uns nicht wundern, warum gerade dies unzähligemalewiederholt wurde: Veronika spreitet das Tuch aus. Das ist heilige Hand-lung, mit dem Antlitze Jesu als Unterpfand eine Heilsverheiflung für alleZukunft.
Den naiven Meistern gestaltet es sich unter ihren Händen zu einemWunder. Das Tuch ist gewachsen und auch das Haupt darauf, es ist drei-bis viermal größer als ein gewöhnlicher Menschenkopf und führt seinestumme Sprache besonders eindringlich( Tafelbild 23).
Memling, in seinen Bildern noch stark der Überlieferung verhaftet, istdoch bereits der naturnahen Darstellung mit Ausweitung des Hintergrundesund landschaftlicher Gestaltung ergeben. Auf dem rechten Außenflügel dernoch mit dem alten Schlosse versperrbaren Flügel des Altares vom Johannes-Hospital in Brügge sitzt Veronika mit turbanartigem Kopfputze in einerHügellandschaft mit weiter Fernsicht und einem mächtigen Baume in derNähe. Sie hält das Schweißtuch ausgespannt, die Geste ist feierlich, undnun sind es die andächtigen Beschauer vor dem Altare, an die sie sichwendet. Das Altarwerk stammt aus dem Jahre 1479, aber das Antlitz Jesuauf dem Schweißtuche zeigt noch den byzantinischen Typ, die Dornen-krone fehlt.
Es überrascht, daß gelegentlich die Apostel Petrus und Paulus das Tuchmit dem Antlitze Jesu 111) halten 112). Wie ein Übergang ist es, wann zwarVeronika das Tuch ausspannt, vor ihr aber die zwei Apostel stehn oder knien.
Erklärungen, die an der Oberfläche bleiben, befriedigen nicht, wie etwadie, daß Veronika mit den beiden Aposteln in Rom in lebhaftem Gedanken-austausche gestanden hätte, oder die, daß sich in der Peterskirche in Rom,der Verwahrungsstätte des Tuches, die Gräber der beiden Apostel befänden.
Die beiden Apostel mit dem Schweißtuche setzen eine alte Leitgruppe,die wir unter dem Namen Traditio legis aus altchristlicher Zeit 113)kennen, in neuer Gestaltung fort. Dort übergibt Christus der Welten-herrscher in paradiesischer Landschaft mit dem Vogel Phönix, dem Künderder neuen Zeit, den zwei Aposteln sein Gesetz( Schriftenrolle: Dominuslegem dat), hier ist das Haupt Jesu das Unterpfand einer neuen, die Weltumfassenden Gemeinde.
3. Der Schmerzensmann
Man kann unter diesem Titel verschiedene Darstellungen zusammen-fassen. Zwei heben sich besonders ab. Da ist es Jesus, der Erwachte, derdie Fesseln oder das verschlossene Felsengrab gesprengt hat und mit nochblutenden Wunden erscheint. Vom„ Schmerzensmann an der Säule" wurdebereits gesprochen( S. 98). Mehr noch gewinnt der sich aus der Grabkufeerhebende Schmerzensmann an Verbreitung. Die Darstellungen, gemalt oderin Stein gehauen, sind oft dem Gedenken der Toten gewidmet, sind Grab-
111) Von 16 herausgegriffenen Bildern dieser Leitgestalt haben 11 keine Dornen-krone( 15. Jhdt. 8, 16. Jhdt. 3) und nur 5 eine Dornenkrone( 15. Jhdt. 1, 16. Jhdt. 5).112) Siehe Pearson, Bildverzeichnis, Nr. 36, 38, 46, 48, 52, 100, 135 a, 143.113) Spieß, Der Wettstreit der Bäume im Hinblick auf Literatur und Über-lieferung( Wiener Zf. f. Volksk., Bd. 34, 1929, S. 119. Wandmalerei von GrottaFerrata, 4. Jhdt.; Mosaik von Cosma e Damiano, Rom, 6. Jhdt.; Wilpert, a. O. AlsSpätling erscheint dieselbe Leitgruppe im Tympanon der Kirche von Andlau, Nieder-rhein, 12. Jhdt. Daselbst auch der Vogel im Baume. Abbildung bei Aubert, L'artfrançais à l'époque romane 1929, Bd. I, Tf. 21.
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