Wir unterscheiden demnach verschiedene Gruppen des Veronika- Bildes:1. Das Antlitz Jesu auf dem Tuche allein. Diese Darstellung tritt nichtnur als Bild für sich auf, sondern findet auch Verwendung für die Zierliturgischer Geräte und Einrichtungsstücke.
2. Das Tuch mit dem Antlitze Jesu wird von Veronika gehalten. Ge-legentlich kommen auch die Apostel Petrus und Paulus hinzu oder diesehalten das Tuch.
3. Das Veronika- Bild in Verbindung mit dem„ Schmerzensmann", derGregor- Messe", den Passionswerkzeugen( arma Christi) und den„ FünfWunden Christi".
Kult und Überliest
Die Stellung des neuen Veronika- Bildes in Kult und ÜberlieferungDieses weit verbreitete Andachtsbild hat Fühlung mit den Leitgestaltender Passion Jesu genommen. Die Haupttypen gehen von alter Zeit herauf,erfahren zu gewissen Zeiten eine Veränderung, werden zu reichen Gruppenausgebaut, dann wieder vereinfacht, neue, von gleicher Bedeutung getragenewachsen hinzu. Entscheidend ist der Grundgedanke, der alle diese Bilderdurchzieht: Das am Kreuze vergossene Blut Jesu bedeutet einen tiefen Ein-schnitt in der Heilsgeschichte der Menschheit; es ist der neue Trank, der dieGläubigen unter einem neuen Gesetze bei einem heiligen Mahle( Eucharistie)für ewiges Heil miteinander verbindet.
Bei den Passionsspielen fiel das Verweilen bei der ausführlichen Be-schreibung der blutenden Wunden Jesu auf und wir können denselben Zugim Bildgute feststellen. Als Beispiele mögen eine Kreuzigung in einer Hand-schrift 66) aus dem Kloster St. Nikolaus in undis um 1445 und der Schmer-zensmann eines farbigen Holzschnittes 67) vom Ende des 15. Jahrhundertsdienen. Das Blut strömt in diesen Bildern nicht nur aus den fünf Wunden.sondern läuft aus ungezählten kleinen Wunden in dünnen Strömen, vomKopfe angefangen, über den ganzen Körper herab.ob ausal
Die Sprache dieser Quellen läßt es verstehen, daß das Erlöserblut an sichGegenstand der Verehrung wird, die an hoch geschätzte Reliquien an-knüpft 68). Ein altes Zentrum der Verehrung des Heiligen Blutes ist Mantua,bereits zur Zeit Karls des Großen. Als dann während der Kreuzzüge christ-liche Ritter auszogen, den Gral zu suchen, jenen Kelch, in dem Josef vonArimathia das heilige Blut aufgefangen haben soll, hat sich die Zahl der hl.Blut- Reliquien vermehrt. Sie galten als überaus kostbare Schätze und warenmeist nur im Besitze hochfürstlicher Personen, die sie dann dem Haus- undLieblingskloster übergaben. Blutreliquien als fürstliche Geschenke findenwir z. B. in folgenden Klöstern: Reichenau( bereits 923), Weingarten( 1094),Marienflies( um 1120), Weißenau( gespendet von Rudolf von Habsburg 1283).Diese Stätten wurden das Ziel von Wallfahrten, die besonders zur Barockzeitblühten und bis auf den heutigen Tag reichen, und ihre Verbundenheit mitvolkstümlichem Brauche zeigt sich darin, daß mancherorts an besonderenFesttagen feierliche Blutritte stattfinden 69).
66) Staatsbibliothek Berlin, ms. germ. quart. 22, Kanonbild Bl. 2: Beschreiben-des Verzeichnis der Handschriften d. preuß. Staatsbibl., Leipzig 1928, Bd. V, 51.67) Schreiber 915.
68) RDK, Bd, II, Sp. 947, Hl. Blut.
69) Daneben gibt es bescheidenere Wallfahrtsorte zum hl. Blute, in Österreich6, davon 3 in Kärnten, Heiligenblut, Maria Rain und Ortenburg, 2 in Tirol, Georgen-berg und Stams, und in Ob.- Österr. Pfarrkirchen. G. Gugitz, Das kleine Andachts-bild, Wien 1950, S. 71.
7 Spieß, Neue Marksteine
97