Nähe zu besehen. Es sind dann auch Bilder, bzw. Skizzen, bekannt geworden,die von Personen herrühren, die eine Erlaubnis für die eingehende Besichti-gung erhalten hatten. Diese Erzeugnisse sind alle unbrauchbar, da die be-treffenden Urheber, wie schon bei dem Abgar- Bilde erwähnt, nicht in derLage waren, eine getreue Kopie anzufertigen.
Erst vom Ende des 19. und dem Beginne des 20. Jahrhunderts liegeneinwandfreie Berichte über das Bild vor. Msgr. de Waal sah das Bild 68)Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem neueren Rahmenmit dem Wappen Gregor XVI.( um 1840). Nach seinem Berichte liegt unterdem Glase eine alte Platte aus vergoldetem Metall, über die ein Netz vonganz feinen Silberfäden gespannt ist. Aus der Platte ist der Umriß des hl.Antlitzes herausgeschnitten, doch bleiben Teile von der Platte bedeckt. Bartund Haar sind unten in drei Spitzen geteilt und von dunkelbrauner Farbe.Dieselbe Farbe ist etwa zwei Finger breit über der Stirne zu bemerken,woraus man annehmen möchte, daß es Haare sind. Ein unregelmäßiger Fleckvon derselben Farbe liegt unter der linken Wange. Von Augen, Nase, Mundund Bart um den Mund ist nichts zu sehen. Der Grund ist gelblich wie altesPapier, das lange im Feuchten gelegen hat; ob er Leinwand oder ein Seiden-gewebe oder ein anderer Stoff ist, konnte nicht festgestellt werden, teilswegen des hohen Alters, teils wegen des darüber liegenden Netzes ausSilberfäden.
Man merkt es dieser Beschreibung an, daß de Waal trotz Behinderungsich dennoch bemühte, etwas zu sehen, daß er aber zugleich zugeben muß,daß von einem Bilde eigentlich gar nichts vorhanden ist.
Josef Wilpert 64) untersuchte mit Erlaubnis des Papstes Pius X. das Bildeingehend, etwa um das Jahr 1910. Er hob die verschiedenen Schichten ab,darunter drei Kristallplatten, und fand zu unterst ein Stück Stoff von heller,durch das Alter etwas vergilbter Farbe mit zwei schwachen, ungleich großen,rostbraunen Flecken, welche miteinander zusammenhangen.
Wilpert nimmt an, daß dieses Gewebe das in den ältesten Quellengenannte Sudarium( Schweißtuch) sei und nur den bescheidenen Teil derkostbar gefaßten Reliquie darstelle, die beim Aufstande„ Sacco di Roma"i. J. 1527 der Plünderung zum Opfer fiel und in den Wirtshäusern Romsfeilgeboten wurde 65).
Das Bildgut
Die nicht von Menschenhänden gefertigten Bilder vom Wahren AntlitzeJesu, deren wunderbare Vervielfältigungen und deren besonders wertvolleKopien wurden bereits besprochen. Nun soll zunächst eine Übersicht überdie Veronika- Bilder, die stets in die Frömmigkeitsübung einbezogen wurden,geboten werden. Es liegen zwei verschiedene Bildtypen vom Wahren Ant-litze vor: 1. das alte Veronika- Bild nach der alten Legende, auf byzantini-schen Einfluß zurückgehend, ohne Dornenkrone; 2. das neue Veronika- Bildnach der neuen Legende( 1300) mit Dornenkrone und Blutstropfen, zunächstnoch vom byzantinischen Gesichtstyp beeinflußt.
63) de Waal in Dissertazioni der päpstl. Akad. 2, Ser. V, 1894.
64) Jos. Wilpert, Die römischen Mosaiken und Malereien d. 4.- 13. Jhdts.,
Bd. II, S. 1123 ff.
96
65) Ludwig v. Pastor, Die Geschichte der Päpste, Bd. IV, 2, S. 281.