Druckschrift 
Neue Marksteine : drei Abhandlungen aus dem Gebiete der überlieferungsgebundenen Kunst
Entstehung
Seite
94
Einzelbild herunterladen
 

Kreuze reicht Veronika voller Mitleid, ohne jeden Wunsch das Tuch zumAbtrocknen von Blut und Schweiß. Wie ist sie erstaunt, bei der Rückgabedarauf das Angesicht des verehrten und geliebten Meisters zu erblicken 58)!Er spricht: Dies geb ich zum Geschenke dir,

weil du mich nicht vergessen.

Da du groß Liebe tragst zu mir,

dein Lohn bleibt unermessen.

Man hat an den rohen Szenen in den Passionsspielen, an den MarternJesu Anstoß genommen, durch die sein ganzer mit Wunden und Blut bedeck-ter Körper einen grauenhaften Anblick bietet. Besonders die Entstellung desGesichtes wird ausführlich beschrieben. Es ist das aber weder mit einemHang zur Grausamkeit noch mit dem Selbsterleben von Folterung undKriegsgreuel in jener Zeit zu erklären. Die überall anzutreffende Blut-rünstigkeit in Spiel und Bild geht von einer stürmischen und aufgewühltenFrömmigkeit aus, die alle vorgezeigten Leiden und Qualen auf das tiefstemitzuerleben antreibt unter der Vorstellung, daß das vergossene Blut Jesujener Trank ist, der den verschlossenen Himmel aufschließt und zum gemein-samen Mahle in der himmlischen Landschaft führt. Van Eyck hat diesesverklärte Endziel in dem Mittelbilde seines Genter Altares in einmaligergroßartiger Gestaltung gezeigt.

So geschah es denn, daß Veronika aus der Hilfsfigur einer Legende zueinem vertrauten fraulichen Wesen edler Art wurde. Es währte nicht lange,dann wurde sie eine Heilige; ihr Tag ist der 4. Februar. Sie erhielt auch einAmt als Patronin der Maler und Veronika wurde ein beliebter Taufname.

Verehrung und Zustand des Bildes in Rom

Die für den Osten kennzeichnende Vervielfältigung des wunderbarenBildes fehlt dem Westen. Verhältnismäßig spät( 1390) wird gelegentlich einvelum triplicatum erwähnt, dem seine ausgedachte und gelehrte Herkunftoffensichtlich anhaftet. Es wird berichtet, Veronika sei auf dem Wege zumMaler Jesu begegnet und habe ihm ein dreifach zusammen gelegtes Gewebegereicht, auf das der Herr sein Gesicht abdrückte. Weil das Gewebe sehrdünn war, seien auch auf den zwei darunter liegenden Teilen Abbilderseines Antlitzes entstanden 59). Man erkennt, daß dieser Legendenzug des-halb eingesetzt wurde, um auch andere außerhalb Roms befindliche Veronika-Bilder als Originale ausgeben zu können. Der Papst hatte i. J. 1376 deinBischof Nikolaus von Biedma in Jaën( Spanien) eine Kopie des Veronika-Bildes geschenkt, die hohes Ansehen und große Verehrung im Volke erlangte,nur zweimal im Jahre, am Karfreitag und zu Mariä Himmelfahrt, öffentlichgezeigt wurde und nachträglich mit Berufung auf das velum triplicatum alsein schon zur Zeit der Apostel nach Spanien gelangtes Ursprungsbild aner-kannt wurde. Für die naive Volksfrömmigkeit, die keine Geschichtlichkeitkennt, war dies allerdings nicht notwendig, denn sie sieht stets nur daswahre Bild.

58) Schlossar, a. O., S. 349, v 253 ff.; Graber, S. 130. Die Wirkung dieses Auf-trittes wird dadurch beeinträchtigt, daß Veronika, die sonst nur als stumme Gestaltunter den Frauen erscheint, noch dreimal in Worten ihre Anteilnahme bekundetund zwar nach dem dritten und vierten Falle Jesu unter dem Kreuze und unterdem Kreuze auf Golgatha( v. 2385, v. 2441, v. 2742).

94

94

59) Dobschütz, S. 312*, Nr. 70.