reichen biblischen Geschichte des Franzosen Roger von Argenteuil 50). Dar-nach begegnet Veronika, die das Tuch abliefern will, dem Heilande, da erzur Richtstätte geführt wird und das Kreuz unter Schmerzen trägt. VonMitleid ergriffen, reicht sie ihm das Tuch, damit er sein von Schweiß undBlut entstelltes Gesicht abwische. Zum Danke gibt Jesus es mit dem Ab-drucke seiner Züge zurück und sagt Veronika, sie möge es wohl bewahren,da es noch manchem Kranken Heilung bringen werde.
Die kleine in den Gang zum Richtplatze eingesetzte Szene ist von tieferWirkung, denn sie verbreitet über die abschreckenden Züge ausgesuchterUnmenschlichkeit das milde Licht mitfühlenden Erbarmens. Sie ist so unver-geßlich, daß mit ihr eine neue Legende beginnt, in der Veronika nicht mehreine Nebenfigur, sondern die Hauptgestalt ist. Rasch kam diese Legendeüberallhin und ihre Verbreitung wurde durch die Pilgerfahrten nach demheiligen Lande und die Passionsspiele begünstigt.
Man war weit fortgeschritten in der Zuteilung der biblischen Vorgängean bestimmte Örtlichkeiten im heiligen Lande, besonderes Augenmerk aberwar auf den Kalvarienberg und den Schmerzensweg( Via dolorosa) dorthingerichtet. Alles, was man suchte, fand man; da durfte auch das Haus derVeronika nicht fehlen. Es lag an der Via dolorosa, gegenüber dem Hause desreichen Mannes, der des Lazarus nicht achtete. Von da war Veronika demHeilande entgegen geeilt. Nach dem Jahre 1435 ist die Lage des Hauses derVeronika in allen Pilgerbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts vermerkt, dieden Pilgern als Wegweiser und Erklärer für alle Denkwürdigkeiten imheiligen Lande dienten. In den Passionsspielen erscheint die Veronika- Szeneum 1450 in Frankreich, England und Deutschland.
In den französischen Passionsspielen reicht Veronika Jesu aus Mitleiddas Tuch. Im Passionsspiele von Eger geschieht dies auch aus Erbarmen überdas entstellte Antlitz, aber bei dem Hinreichen des Tüchleins wird doch einErinnerungszeichen( lez) erwartet 51). In den anderen deutschen Passions-spielen naht sich Veronika Jesu mit dem Tuche und bittet ihn um einAndenken und erhält dann den Abdruck seines Antlitzes zur Leze 52). In demPassionsspiele von Donaueschingen ist die ganze Szene schon recht veräußer-licht 53). Veronika reicht dem Salvator ein weißes Tüchlein und spricht:
50) Dobschütz, Nr. 56, S. 304*. In der Chanson de geste vom Ende des 12. Jhdts.und in den romanischen Prosabearbeitungen des 13. Jhdts. wird die Entstehungdes Bildes an das Kreuz verlegt. Veronika ist aussätzig, wagte es früher nicht,sich Jesus zu nähern; erst da er am Kreuze hängt, kommt sie heran und Maria, dieMutter Jesu, berührt mit dem Kopftuche Veronikas das Antlitz ihres Sohnes.Veronika bestreicht sich damit und wird geheilt. Dobschütz, Nr. 24 und 28, S. 287*u. 290*. Diese Legendenfassung fand keinen Anklang. In einer Pilatus- Geschichtedes Robert von Boron, Joseph d'Arimathie, v. J. 1183 aber haben wir bereits dierichtige Vorstufe der späteren Veronika- Legende, wo von einer Frau Verrine inJerusalem erzählt wird, die ein Tuch besitze, in das Jesus sein Antlitz abgedrückt,da man ihn zum Richtplatze geführt habe. Dobschütz, Nr. 26, S. 289*.
51) Fronleichnamsspiel von Eger, herausgegeben von G. Milchsack, v 5868--97.52) So geschieht es auch in dem Haller Passion_( v 1073 ff.) und dem BrixenerPassion( v 2403 ff.), während Veronika im Sterzinger Passion( v 2034 ff.) Jesu helfenwill, die Marter zu tragen, allerdings ist hier von einer Darreichung des Tuchesund von einem abgedrückten Bilde keine Rede. J. E. Wackernell, AltdeutschePassionsspiele aus Tirol, Graz 1897, S. 323, 403, 131.
53) F. J. Mone, Schauspiele des Mittelalters, Bd. II, S. 311, v 3151 ff.
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