Etwas sehr Wichtiges fehlt also, daß das Bild in Rom als ein großes Heilig-tum für alle späteren Zeiten zur Geltung kommt.
Daß Autoren einer späteren Zeit in ihren Chroniken und Geschichts-werken ¹) die Veronika- Legende durch einen kurzen Verweis mit dem ihnenbereits bekannten heiligen Antlitze in Rom verbinden, ist für die ursprüng-liche Legende ohne Belang. Manchmal läßt man seine Phantasie spielen,um eine nicht vorhandene Kontinuität zu schaffen, wie Jakobus PhilippusForesta, Bergomensis( † 1520), der in seiner„ Geschichte vom Anfange derWelt bis 1482" berichtet 42), daß Veronika mit ihrem Bilde in Rom blieb,im regen Verkehre mit den Aposteln Petrus und Paulus stand und das ihrso teure Bild des Wahren Antlitzes Jesu dem Papste Clemens für seineKirche nach ihrem Tode vermachte, wo es bis auf den heutigen Tag ver-blieben ist.
Heben wir die Veronika betreffenden Züge aus der anderen Zweckendienenden Legende hervor, so ergibt sich folgendes Bild:
1. Der römische Kaiser ist schwer krank. Er hört von einem Wunder-manne in Judäa, der alle Krankheiten zu heilen vermag und sendet einenBoten dahin.
2. Der Bote erfährt dort, daß die Juden den Wundermann Jesus gekreu-zigt haben. Er macht die Bekanntschaft mit Veronika, die ein Bild Jesu,einen Abdruck seines Antlitzes in ein Tuch, besitzt, von dem wunderbareKräfte ausgehen.
3. Der Bote will das Tuch durch Kauf erwerben. Veronika kann sich vondem Tuche nicht trennen, doch ist sie bereit, dem Boten mit ihrem Bildenach Rom zu folgen und vor dem Kaiser zu erscheinen.
4. der römische Kaiser wird durch die Einwirkung des Bildes sogleichgesund.
Diese Legende weist weitgehende Übereinstimmung mit der Abgar-Legende auf. Auffallend ist ferner, daß hier wie dort in den älteren Fassun-gen das Bild Jesu ein natürliches, von einem Maler angefertigtes ist.Die Veronika- Legende aber führt geschichtliche Personen als gleichzeitig ein,die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben und mit ihrem Gehaben im Wide:spruche zu den Gegebenheiten ihrer Zeit stehen; schon dadurch erweist siesich, abgesehen von ihrem späteren Auftreten, als abgeleitet und jünger.Wilhelm Grimm kam bereits zu dem Schlusse, daß die Veronika- Legendedie in andere Verhältnisse übertragene Abgar- Legende ist 43).
Das Ursprungbild in Rom
Die Veronika- Legende berichtet nichts davon, daß sich ein auf wunder-bare Weise entstandenes Abbild des Antlitzes Jesu in Rom befände. Erstaus dem 12. Jahrhunderte haben wir Belege dafür, daß es in Rom in derPeterskirche eine hoch verehrte Reliquie dieser Art gibt, deren Herkunftaber unbekannt ist. In der alten Peterskirche wurde sie in der der Mutter-gottes geweihten Kapelle verwahrt und nachher in der neuen Peterskirche
41) Sächsische Weltchronik von 1248, Dobschütz, S. 295*; Matthäus von West-minster, Flores historiarum( 1307), Dobschütz, S. 305*; Düringische Chronik von1421 des Johann Rothe aus Kreuzburg( † 1434), Dobschütz, S. 318*.
42) Dobschütz, S. 329*.
43) Ernst v. Dobschütz weist in seiner umfassenden, auf großer Stoffkenntnisaufgebauten Arbeit darauf hin, daß die Übereinstimmung beider Legenden nochviel weiter gehe, als W. Grimm ahnen konnte( S. 290).
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