Das Veronika- Bild
Die lateinische Kirche kam erst spät zu einem Bilde von ähnlicher Be-deutung. Es ist dies das Veronika- Bild, aber in Rom wußte man bis zumAnfange des 12. Jahrhunderts weder von einem Bilde dieser Art noch voneiner Legende etwas.
Eine ursprüngliche selbständige Veronika- Legende, die auf ein bekann-tes römisches Heiligtum Bezug nähme, gibt es nicht. Die Veronika- Gestalterscheint zunächst als Nebenfigur in einem Erzählgute mit anderen Zielen.
Wie unklar die Verhältnisse liegen, ist daraus zu entnehmen, daß mandie völlig anders geartete Legende von einer Frau aus Paneas mit derÜberlieferung von Veronika in Verbindung zu bringen suchte.
Die Paneas- Legende
In Paneas, Kaisareia Philippi an der Jordanquelle 30), hat eine reicheFrau, die von Jesus vom Blutflusse geheilt worden ist, vor ihrem Hause ausDankbarkeit ein Bildwerk aus Bronze errichten lassen, das sie knieend vorder Statue des Heilands darstellt.„ Zu seinen Füßen wächst an dem Sockeleine fremdartige Pflanze, die bis an den Saum des metallenen Mantels hin-aufgeht und ein Heilmittel gegen mancherlei Krankheit ist." So berichtetEusebius( hist. eccl. VII 18), der vermerkt, daß er die Bildgruppe selbstgesehen habe. Spätere Fassungen dieser Legende nennen die zunächstnamenlose Frau Berenike oder Beronike. Die Denkmalsgruppe steht nunnicht mehr vor dem Hause der Frau, sondern auf dem Brunnenplatze. Wäh-rend man bei Eusebius wohl annehmen muß, daß die emporrankende Pflanzedem Denkmale selbst angehört, wird nicht viel später, um 400, erzählt ³¹),daß aus dem Boden ein Kraut neuer, bisher unbekannter Art emporwachse,welches, sobald es den Gewandsaum der Heilandfigur erreicht hat, die Krafterhält, alle Krankheiten zu vertreiben, alle Schwächen des Körpers zu be-seitigen. Dieses Denkmal soll dann vom Kaiser Julianus dem Abtrünni-gen zerstört, der Kopf der Jesus- Statue aber gerettet worden sein. Die andieser Stelle errichtete Statue des Kaisers wird vom Blitze zerschmettert,der des Kaisers Haupt zu Boden wirft.
Sehen wir ab von der historischen Unmöglichkeit der Errichtung einesDenkmales von der beschriebenen Art zur Zeit Jesu oder kurz nachher, dasnur ein natürliches Abbild Jesu wäre, ferner von den verschiedenenDeutungen, welche dieses Denkmal erfahren( z. B. die dankbare Provinzkniet vor dem römischen Imperator), so ist es nur die Gestalt einer vomBlutflusse wunderbar geheilten Frau, später Beronike genannt, die denAnlaß gab, diesen Legendenkreis mit dem der Veronika in Verbindung zubringen. Bemerkenswert bleibt nur die mit besonderer Heilkraft aus-gestattete, an der Jesus- Statue emporwachsende Pflanze unbekannter Arteine Art Lebensbaum.
Die Veronika- Legende
Die folgenden Überlieferungen von Veronika sind als Episode in Legen-denkreise eingebaut, in denen von der Bestrafung des Pilatus und derBekriegung der Juden, als der am Tode Jesu Schuldigen, erzählt wird, sowievon der Zerstörung Jerusalems.
86
30) Dobschütz, S. 197 ff.
31) Rufinus, hist. eccl. VII 14, Dobschütz, S. 256*, Nr. 9.