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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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der Erfassung von Entwicklungspossibilitäten ist vielleicht mehr zu leisten als eineDe- facto- Rekonstruktion der altgriechischen Theaterrevolution: die vorsichtige Fixie-rung von Strukturgesetzmäßigkeiten, die von theatroiden Brauchformen zur Theaterkon-stituierung führen. Dazu bedarf es allerdings noch weiterer Arbeiten. Doch dann wärenauch die dunklen Entwicklungsphasen des altgriechischen Theaters ohne neuen Quellen-zuwachs durch ein empirisch ausreichend abgesichertes Strukturevolutionsmodell imSeinsstatus der Possibilität zu decken, ohne sich dadurch in die Fänge der Aporie vonIdiotypik und Nomothetik zu verstricken, da der Realitätsanspruch der Tatsächlichkeitja gar nicht erhoben wird. Erst eine Reihe neuer positivbestätigender Funde, die dieQuellensituation aussagedicht machen, könnte einen solchen Anspruch begründen. Inbezug auf die altgriechische Dramenentstehung ist man davon gegenwärtig weit entfernt.Die Ungesichertheit der Fakten und Hypothesen schafft die psychologisch verständlicheSituation, nach den rezenten Brauchformen wie nach einem Rettungsanker zu greifen,und die große klaffende Leere mit genügend Parallelen" zu füllen. Dieses Vorgehen istjedoch aletisch dubios und grundsätzlich nicht zielführend; trotzdem ist das rezenteBrauchmaterial für die Veranschaulichung der antiken Dromena nicht wertlos, wennman es in seiner Wertigkeit als possible Keimformen der Theatrogenese versteht; daßes so gewesen sein kann, ob es so war, ist nach der gegenwärtigen Quellenlage weder zubeweisen noch zu widerlegen. Die einschneidenden kulturpolitischen und künstlerischenReformen, die erst zu den uns überlieferten Spitzenprodukten geführt haben, wird manbeim Vergleich beider ,, Entwicklungslinien" nicht außer acht lassen dürfen.

2. 2. Zur Frage eines liturgischen Dramas in Byzanz

Die Evidenz der Brauchvorkommen legt es nahe, auch zur lange Zeit umstrittenenund heute vom überwiegenden Teil der Fachwissenschaft negativ beantworteten Frageeines liturgischen, in Aufführungen realisierten Dramas 81 in der byzantinisch- ortho-doxen Kirche aufgrund neuer indirekter Quellen kurz Stellung zu nehmen. Daß damitumstürzend Neues geboten wird, ist nach dem Forschungsgang und der Quellenlage nichtzu erwarten, zudem ist eine Aussagekapazität rezenter Brauchtumsquellen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumsquellen für die byzan-tinische Liturgie nur unter der gebotenen methodischen Vorsicht evident.82 Struk-tur und Erscheinungsform gewisser Brauchszenen aber, mehr oder weniger in die Litur-gie integriert, legen den Schluß nahe, daß sie möglicherweise von heute verschollenenliturgischen Repräsentationen in byzantinischer Zeit abstammen: 83 die Auferweckungs-szene des Lazarus, 84 die Fußwaschungsszene Christi 85 und die HöllenfahrtsszeneChristi mit der Überwindung des Satans.86 Die Möglichkeit einer Rückführbarkeit istnatürlich noch im einzelnen zu prüfen; 87 für den byzantinischen Zeitraum bietet sichein einziger Passionsspieltext an( Cod. Vat. Palat. 367), der nach dem Urteil der Fach-

81 Im Gebrauch dieses Ausdrucks schließen wir uns der letzten wichtigen Studie zumThema( Velimirovič, 1962) an und übergehen die terminologisch ungenaue Vielfalt( reli-giöses Drama, christliches Drama, Spiel, Theater), die in der bezüglichen Fachliteratur anzu-treffen ist.

82 Spyridakis, 1975: 235 ff. hat letzthin versucht, verschiedenen Zusammenhängen derrezenten Volkskultur mit der byzantinischen nachzugehen.83 Einziger Anhaltspunkt ist hier der Codex Vat. Palat. 367, der zyprische Passions-zyklus", der 1916 von Lampros ediert wurde.

84 Vgl. 2.2.1.

85 Vgl. 2.2.2.

86 Vgl. 2.2.3.

87 Das Brauchmaterial für Fußwaschungs- und Höllenfahrtsszene wurde noch nicht bei-gestellt, weil es sich um fast rein liturgische Szenen handelt, von denen in der Materialselektionabgesehen wurde. In diesem Zusammenhang wird es aber in 2.2.2. und 2.2.3. nachgetragen.

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