2. Aspekte der Interpretation
Die alleinige Berücksichtigung theaterwissenschaftlicher Gesichtspunkte in diesemAbschnitt folgt aus der methodischen Beschränkung auf ein Strukturmodell der Theatro-genese. Die Aussagekapazität des Fallmaterials nach verschiedenen Richtungen hin wirdnur teilweise ausgelastet in dessen Funktion als Medium der empirischen Verifizierungeiner Hypothese. Aus dem Blickwinkel dieses Problemspektrums ist auch nur eine Aus-wahl möglich: 1. der Versuch einer Fixierung des Stellenwertes der aufgezeigten Brauch-phänomene für die griechisch- antike Theaterentwicklung, 2. die Ermittlung der Konse-quenzen für die weithin offene Frage der Existenz eines byzantinisch- religiösen Theaterssowie 3. die Standortbestimmung der theoretischen Folgerungen in den bestehenden An-sätzen zu einer Theatertheorie mit Präferenz horizontal- genetischer Aspekte.¹ Das auto-nome Erkenntnisgewicht der Brauchdaten verpflichtet auch zur Berücksichtigung ande-rer Problemhinsichten, die aber eben nur bis zu einer ersten, grob- schematischen An-näherung im Sinne eines Problembewußtseins ausgeführt werden können.
Die Abhängigkeit des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums von der jeweiligen Wirtschaftsform ließe eineGrenzziehung zwischen mediterranen und kontinentalen Erscheinungsformen zu. Einesolche Scheidung ist etwa für den Regengang und die Judasverbrennung schnittklar zuverifizieren, nicht aber in dem gleichen Maße etwa für die Morphologie der Lazarus-kalanda. Historisch gesehen sind auch noch die langen Jahrhunderte venezianischenKulturkontakts in Rechnung zu stellen. Für die Kleinsiedlungen muß für den Zeitraumvon 1880-1920 in grosso modo eine Form semiautarker Hauswirtschaft angenommenwerden, für die Großsiedlungen ein entfaltetes Handels- und Dienstleistungsgewerbe.³Die kleinste Sozialmonade bildet daher- auch von der Wirtschaftsform herWohn- und Arbeitsgemeinschaft der Familie, das„ Haus"( nicht das Individuum). DasUmzugsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Umzugsbrauchtum richtet sich denn auch selten an den einzelnen, 5, sondern an denWohnverband und seinen Sitz. Insofern kommen dem Wohngebäude, der Schwelle, demHerd, dem Schornstein, dem Zentralbalken des Hauses auch symbolische Qualitäten zu.Die untereinander in Ehre und Ansehen rivalisierenden Familien unterliegen inFest- und Krisenzeiten dem koinobiotischen Ideal einer egalitären und solidarischenLebensform, das etwa im Versöhnungsfest der Agape am Ostersonntag sichtbaren Aus-
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die
1 Die Feststellung einer eventuellen Vergleichbarkeit der Daten( bzw. einer Anwendbarkeitder Hypothese) mit affinen Phänomenen anderer Kulturräume muß späteren Versuchen vor-behalten bleiben.2 Kulturwissenschaftliche, religionswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und psycholo-gische.3 Zur wirtschaftlichen Analyse Pfeffer/ Schaffhausen, 1959. Analyse einersozioökonomischen Fallstudie im Einzugsgebiet von Athen bei Friedl, 1959.
4 Dazu Tsausis, 1971.
5 Mit Ausnahme der panegyrischen Speziallieder. Doch auch hier wird oft nur die imMoment interessanteste Person des Hauses besungen.
6 Peristiany, 1965: 171 ff.
7 Erstmals verwirklicht erscheint diese Gemeinschaftsform in den kleinasiatischen Stratioten-dörfern an der Ostgrenze des byzantinischen Reiches. Wie aus den Kleftenliedern zu ersehen ist,herrschte dieser Geist auch in den griechischen Widerstandszentren gegen die Turkokratia, in den
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