3) Morphologie und Typologie
In einem systematischen Versuch zur Maskierung in Griechenland unterscheidetLukatos( 1967: 177 ff.) drei Arten der Maskierung: 1. die Primitivmasken Glossar ::: zum Glossareintrag Primitivmasken( Tier-maske mit Haut oder Fell, die Kürbismaske, die Kartonmaske), 2. die Bemalung( mitKohle, Tinte oder Farben) und 3. verschiedene Attribute( falsche Bärte usw.). Diefabriksmäßige Maskenherstellung in den großen Urbanzentren( meist Pappmasken)taucht im 19. Jahrhundert auf und ist westeuropäischer Provenienz. Die Verwendungsolcher Masken beschränkt sich auf den( urbanen) Karneval: Die Maskenzeit der Zwölf-ten weist neben der größeren Straffheit der Organisation auch größere Konservativitätauf. Das erste Ziel der Maskierung ist gewöhnlich das Nicht- Erkannt- Werden, das dannauch ein Abweichen von der üblichen Kleidungsnorm impliziert. In dieser Distanz desUngemäßen zum gewöhnlichen Aussehen liegt der Ausgangspunkt zur Komik, der zurRepräsentation von„ komischen" Typen, nämlich Outsidern der Mikrogruppe führt.Die fehlgeschlagene Normverbindlichkeit wird mit Satire und Gelächter honoriert.386Doch sind es nicht nur Typen der individuellen Separation von der geltenden Richt-schnur, die in den Masken dargestellt werden, oder exotische Tiere, sondern auch vageAbbilder aus mythologischen Vorstellungsbereichen( z. B. der Araber). Die Distanz desUnüblichen ruft hier nicht Gelächter hervor, sondern setzt Emotionen in Bewegung, dievom angenehmen Gruseln bis zum nackten Erschrecken reichen können.387
Die wahllose Lumpenverkleidung und Gesichtsschwärzung tritt zahlenmäßig amhäufigsten auf. Sie wurde in der Bestandsaufnahme nicht durchgehend berücksichtigt,weil sie a) panhellenisch( ohne regionale Signifikanz) und b) morphologisch stereotypist. Diese Maskierung des Irgendwie- Anders- Seins signalisiert keine der sozialen Koordi-naten( Alter, Geschlecht, Status, Beruf) oder mythischen Leitbilder, die zu einer Typen-ausformung führen könnten. Die morphologische Präfiguration des Araber- Typs istdemnach äußerst diffus, und als Figurentyp ist er eigentlich nur nominal zu definieren.Die mangelnde Deckung einer Realdefinition eines Maskentyps mit seiner nominalenBezeichnung( z. B. Araber, Bräutigam und Kapetan sind in der synoptischen Kompara-tion von Maskierungsarten manchmal völlig gleichartig verkleidet) ist charakteristischfür eine Phase noch unscharfer Typenausprägung und-trennung. 888 Eine solche adhäsive
papaver- Mohn; die Mohnblume soll bei den Umzügen eine besondere Rolle spielen) alsParetymologie abtut, gibt Sitaras( 1946/47: 236 f.) an, die Form Tipлеpoóda solle den türki-schen Handwerker bezeichnen. Der größte Konsensus besteht bei den Ableitungen aus dem Bul-garischen: Wace/ Thompson( 1914: 132 ff.) und Arnaud off( 1917: 65 ff.) sind sichdarüber einig, daß peperuda den Schmetterling bezeichne; Vakarelski( 1969: 328 ff.) dif-ferenziert dahingehend, daß es sich um eine etymologische Assoziation zum Tanz der Schmetter-linge handle. Das geographische Vorkommen der Bezeichnung dieses Kontinentalbrauches sprichtfür eine slawische, vielleicht auch romanische Wurzel. Vielleicht käme aber auch das schon imMittelgriechischen geläufige леpлαл( gehen, wandeln) in Frage. In jedem Falle ist die etymolo-gische Frage vorderhand noch offen.
386 Diesen sozialperipheren Isolationszustand streicht besonders Kakuri, 1966: 5 ff.heraus und unterscheidet bei den komischen Typen solche mit körperlichen, ethischen und sprach-lichen Gebrechen. Die Verbalkomik spielt im vorliegenden Material kaum eine Rolle, mehr diesituative Komik und Gebärdenkomik.
387 Diese Affektseite betonen vor allem Politis und Kukules mit ihrer Kinder-schreckthese als Ursache zur Entstehung der Dämonenvorstellung der Kallikantzaroi. GegenKakuri könnte man auch Meulis Hypothese vom Ursprung der Masken im Totenkult aus-spielen( HDA V, 1744 ff.). Der„ Sühnezeremonie gegenüber den Toten" stände dann derBergson sche Ansatz vom therapeutischen Lachen gegenüber. Die unilineare Polarität löstsich aber sofort auf, wenn man bedenkt, daß beide Verhaltensweisen gleichermaßen im Diensteder Fertilitätspromotion stehen.
388 Diese Möglichkeit auftretender Typen- und Namensverschiebungen wird im methodi-schen Konzept von Megas( 1951: 3, 68) nicht berücksichtigt.
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