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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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zahlenmäßiger Minderheit: die Aktion. War bei dieser der Konzentrationspunkt imÜbergang zur Rolleninteraktion der anthropomorphe Gegenstand, so ist es hier dieanthropomorphe Verkleidung.

1. 7. 1. Non mimetische Maskierung und Verkleidung

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Das intentionelle Prinzip der Primitivformen Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitivformen der Metamorphose ist das Nicht- Er-kennen und Nicht- Erkannt- Werden(, agnostischer Effekt"). Diese Intention von Maskeund Verkleidung steht im Interdependenzverhältnis mit einem temporär begrenztenAußerkrafttreten der sozialen Ordnung. Die soziale Position und Rolle definiert imvorliegenden Kulturkontext oft ausschließlich die durchgängige Identität des Indivi-duums. Das Anlegen der Maske bedeutet z. T. reale Einbuße an Identitätsgefühl undda es sich um keine mimetische Verkleidung handelt- Gewinn eines Möglichkeitsspiel-raumes nicht ausdefinierter Seinsweisen. Die Last von Normen und Rollenerwartungen,Werten und Handlungsregulativen, der interfamiliäre Antagonismus und Prestigekampf,die Konkurrenz in der Annäherung an das Ehrideal und die Angst vor der Schande,alle diese sozial vermittelten Idealvorstellungen und Aktionsmodelle fallen weg. In demfreiwerdenden axiologischen Spielraum treten physiologische Reaktionsmuster( symboli-sche Züge zur Promiskuität, orgiastische" Atmosphäre), die sich verbal und aktionellmanifestieren, oder die Umkehrung sozialer Wertideale( Geschlechtswechselverkleidung,Schandzüge, Schwärzen) im Sinne der Verkehrten Welt". Der Hieros Chronos des Kar-nevals ergibt oft das reziproke Widerbild der sozialen Realität: verstärkte Interaktionund Kommunikation zwischen auch nicht verwandten Familien, wo sonst Distanz undMißtrauen herrschen, verstärkte motorische Zirkulation der Mitglieder der Dorfgruppe,wo sonst jedes Haus( Familie) eine positional fixierte Sozialmonade darstellt, Verspot-tung und Anschwärzung( real und metaphorisch) ohne Sanktionen, wo sonst bloß aufden Verdacht einer Ehrkränkung hin die Messer gezogen werden, deutlich sexuelle An-spielungen und obszöne Distichen aus dem Munde von Frauen, die sich sonst hüten, auchnur flüchtiges Thema eines Männergespräches zu werden. Die gegenseitigen Besuche mitGeschenktausch, Tanz, Liedern und Gelagen sowie auch die Sammelumzüge der Maskier-ten verweisen auf die gesteigerte Interaktion und fieberhafte Aktivität auf der Ebeneder Gesamtkommunität; die plötzliche Labilität der Positionshierarchie läßt, wie häufigin Fest- und Krisenzeiten, eine latent vorhandene Lebensform der Dorfgruppe zum Vor-schein kommen, die von der sozialen Realität sonst eher überdeckt bleibt: Formen einesdemokratischen Koinobiotismus mit kollektiver Verantwortung und Solidarität. Maskeund Verkleidung nivellieren und integrieren den einzelnen in das beglückende Gebor-genheitsbewußtsein einer geschlossenen Wir- Gruppe. Deshalb ist( in vielen Fällen sogarausdrücklich erwähnt) die Demaskierung eine große Beleidigung. Daß es sich dabei umeine Leistungsstrategie für zu erbringende Vitalmanifestationen handelt( um den mächti-gen Toten zu zeigen, daß man lebt- nach älterer volkskundlicher Interpretation), istnicht nur im Bewußtsein der Ausführenden äußerst selten anzutreffen, sondern auch anden vorliegenden Primitivformen Glossar ::: zum Glossareintrag  Primitivformen gar nicht zu erkennen und in vielen Fällen sicherirreal. Doch die temporäre Konstituierung eines unausdefinierten( Spiel"-) Raums in-mitten der sozial verankerten Realität ist in jedem Falle eine grundlegende Vorbedin-gung potentieller Theatrogenese. Denn ohne diesen konventionell abgesicherten wert-freien Wirklichkeitsbereich ist Theater als Institution nicht denkbar.

1.7.1.1. Festkleidung

Das Anlegen einer Festkleidung( meist der alten Lokaltracht) kann als Vorstufeeiner Identitätsverschiebung gesehen werden, wie sie die Verkleidung generell darstellt.Die Herausgehobenheit der Festzeit aus dem Zeitfluß und die Rückbindung an das Per-

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