der Dromena( purifikatorische Tötung, Tod/ Auferstehung, ekstatische Identifikationen)archetypisch fixiert ist, so weist auch Seinsform und Inhalt von Theater( nicht des kon-kreten Dramas) auf eine sakrale Sphäre: auf die Identität aller( möglichen und reali-sierten) Wirklichkeiten( Theatergleichnis). Das sakrale Dromenon kennt prinzipiellkeinen Zuschauer und bedarf seiner auch nicht. Die Instanzen des Agierenden und desRezipierenden liegen ungeschieden im Akt. Der Akt vollzieht sich selbst- an den Agie-renden. Das Impersonelle des Vollzugs verweist den einzelnen( Akteur wie Zuschauer)in die Distanz bloßer Teilhabe. Der Säkularisationsprozeß macht den Agierenden mehrund mehr zum( aktiven) Ausführenden des Aktes und die Nichtagierenden zu Zuschau-ern mit vergrößertem Distanzunterschied zum Geschehen.
Gegenüber dem Sammelumzug ist eine fallende Mobilität der Ausführenden undsteigende Mobilität der„ Zuschauer" zu konstatieren: Gewisse entscheidende Konzentra-tionspunkte des dynamistischen Kräftegeflechts, das sich rund um ein Dorf spinnt, wer-den zu Handlungsorten der Dromena: der Dorfplatz( meist auch Kirchplatz; oder derKirchhof) als Zentrum und Repräsentationsfläche der Siedlung; die Wegkreuzung vordem Dorf, die Gut und Böse passieren muß, wenn es ins Dorf will; die Tenne, auf derder Ernteertrag gute oder schlechte Perspektiven ergibt für das kommende Jahr; dieWeinberge, die Felder, das Haus der Hebamme usw. Nicht mehr Herd, Schwelle undSchornstein des Hauses sind die Schlüsselstellen der Aktion, sondern kommunale Flächenwerden zu Schauplätzen und„ Spiel"-Räumen. Die Finalität der Dromena zielt nichtmehr auf die Kernfamilie( Haushalt) ab, sondern auf den sozialen Verband als ganzen( Dorf, Wohnsiedlung) oder auf Teile desselben( Pfarre, Viertel). Die Sicherstellung derEueterie( Euergie, Fertilität, Prosperität usw.) einer größeren Gruppe zu unternehmen,bedarf es analog größerer Anstrengungen: Die„ Kraft"-Konzentration ist höher, ebensoder Einsatz des einzelnen( vgl. etwa die Anastenaria). Eine höhere Strukturkomplexitätwird dadurch begünstigt. Sakralität und Profanität sind aus dieser Sicht eher ineffektiveKriterien, weil sie vom Bewußtseinshorizont der Ausführenden und dem speziellen histo-rischen und oikotypischen Kulturkontext dependieren. Nicht die Säkularisierung, sonderndie Degeneration des Brauches durch einschneidenden Kulturwandel greift in Strukturund Finalität des Dromenon verändernd ein.
1. 7. Metamorphose durch Maske und Verkleidung
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Die Metamorphose wird im vorliegenden Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum wie im Alltag und im Thea-ter- am häufigsten durch Kleidungswechsel und Maskierung erreicht. Die Kleider( Tracht, Mode) sind sozial vermittelte signifikante Symbole, die Status, Rolle und sozialePosition einer Person erkennbar signalisieren, auch wenn die rezipierende Umwelt derartin Schein verfällt( Hochstapler, König inkognito). ,, Kleider machen Leute". Das Theaterbedient sich im Kostüm professionell dieser soziokulturell verankerten Identifikations-mechanismen, auch im Übergang von Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum zu Volkstheaterformen kommt derVerkleidung die mit Abstand größte rollendefinierende Kapazität zu. Die Aktion wirdhier wie schon festgestellt. meist nur als hinzutretender Faktor wichtig und wirkterst im Zusammenwirken mit der Maskierung rollenkonstituierend. Erst auf diesem Fun-dament können andere Brauchstrukturen wie verbale Kommunikation, Opfer, Agon usw.eine theatralisch vermittelbare Erscheinungsform erhalten. Die prozessuale Zyklokinese( Sammelumzug) kann sich davon ablösen, sich rückbilden oder erhalten bleiben. DerDialog kann zum neuen Schwerpunkt werden. Doch handelt es sich hiebei um Entwick-lungen, die schon auf einem vorhandenen Bezugsgeflecht von Rollen fußen müssen.Zwischen der Prozessionsform und der Rolle aber- in struktureller„, Entwicklungs-linie" scheint die Verkleidung zu vermitteln, und als sekundäre Variante in großer
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