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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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geschieht zu Unrecht, denn die Gynaikokratie als dem Patriarchat vorgängige Ge-schichtsphase war bisher in realiter nicht zu erweisen( wenn auch die Mythologie dafürIndizien an die Hand gibt), ferner handelt es sich beim vorliegenden Brauch um einetemporär begrenzte Scheinherrschaft, die die Privilegien der Patriarchalität nur gering-fügig durchbricht. 287 Megas parallelisiert den Brauch mit den Haloen, dem 3. Tag desThesmophorienfestes im antiken Athen, 288 aber auch die sagenhafte Amazoneninsel derArgonautenfahrt wird zum Vergleich bemüht.289 Faltaits tangiert die Ursprungs-frage und das Problem einer Übernahme durch Bulgaren oder Griechen. 290 Es handeltsich im wesentlichen um ein Scheinproblem, das durch das Denken in sprachnationalenKategorien entsteht.

5) Anastenaria. Literatur überblick

Der historische Gang der Anastenaria- Forschung ist bedingt durch mehrere Kompo-nenten, die auf ganz verschiedenen Ebenen liegen und aus ganz verschiedenen Richtungenkommen, so daß das Entwicklungsbild inhomogen ist, von Schüben und Sprüngen durch-zogen, Disproportionen( quantitative und qualitative) zwischen Faktenangebot und se-kundärliterarischem Echo, zwischen Datenfülle und Theoriebildung zeigt. VerschiedeneGeistesströmungen, Wissenschaftsdisziplinen und Nationalideen sind an dem disparatenForschungsbild beteiligt. Die erste Phase der Forschung( bis etwa 1938) baut auf wenigenFakten( im wesentlichen dem Churmuziadis-Bericht von 1873) weitreichendeHypothesen auf; es beteiligen sich Ethnologie und Archäologie im Stil von Harri-son, Religionswissenschaft im Stile Nilssons; die dogmatischen Bedenken spielennoch eine Rolle. Bulgarische und griechische Forschung verlaufen noch ohne Wissen von-einander und bauen die Fakten in die nationale Tradition ein. Ab 1938 setzt, nach demWiederaufleben des nach Mazedonien verpflanzten Brauches mit Vehemenz die griechi-sche Forschung ein: insbesondere auf den Sektoren der Bestandsaufnahme und der De-tailinterpretation, mit gemäßigterer theoretischer Spekulation gemäß der allgemeinenWissenschaftsentwicklung, die von durchgängigen Kontinuitätsmodellen und unilinearenEvolutionen immer weiter abrückt. Statt dessen treten sozialanthropologische undpsychopathologische Fragestellungen ins Blickfeld. Filme werden gedreht und medizini-sche Experimente vorgenommen. Ab dem ersten Drittel der sechziger Jahre bricht dieDiskussion ab, und nur der dogmatische Eifer orthodoxer Bischöfe sowie die organisa-torischen Schwierigkeiten, die die Lokalbehörden mit mehr oder weniger Geschick zumeistern haben( die Massen in- und ausländischer Touristen unterzubringen), lassen jedesJahr im Mai ein gewisses, von der Presse geschürtes Interesse aufflackern. Auch Kontro-versen bezüglich der nationalen Zugehörigkeit des Brauches( ,, bulgarisch" oder grie-chisch") haben einiges Echo. Im wesentlichen aber erleiden die Anastenaria das üblicheSchicksal des organisierten und sekundär vermittelten Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums, daß sie nämlich nach

D. Vajakaku, Σχεδίασμα περὶ τῶν τοπωνυμίων καί ἀνθρωπωνυμικῶν σπουδῶν ἐν Ἑλλάδι, 1833bis 1862, Abnya, tóµ. 67, 1963/64, σ. 184-188 und N. Andriotis, Die mittel- undneugriechischen Metronymica. Atti e memorie dei VII Congresso Internazionale dei ScienzaOnomastiche, Firenze Pisa 1961, vol. II, 59-66.

287 Die metronymischen Anredeformen sind, zumindest für Samos gesichert, Innovationender Neuzeit und zeigen nichts von usurpatorischer Finalität. Die Weiberherrschaft Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiberherrschaft des Hebammen-tages ist bedingt durch ihr Thema, der weiblichen Fekundität, und sekundär durch ein termin-gebundenes Durchbrechen der Sozialordnung im Sinne der, Verkehrten Welt" des Karnevals. DerMachtanspruch ist ein ritueller und kein alltagswirklicher.

288 Megas, 1967: 543 ff. Er spricht dem thrakischen Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum allgemein große Affinitätzur Antike zu.

289 STYK. 1962: 357 f.

290 Faltaits, 1929.

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