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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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rück und hat sie mit dem Drama" gemeinsam.240 Sakralität bzw. Profanität bildenaber eine schwer kontrollierbare Kriterienachse: Der Kulturphasenablauf im europäischenRaum der letzten 600 Jahre hat hauptsächlich in Schüben und Sprüngen verlaufendeSäkularisationsprozesse gezeitigt, was nicht heißt, daß es nicht( potentiell) zu Resa-kralisierungen kommen kann. Die Qualität und der Grad von Sakralität ist im einzelnenauch schwer greifbar und nicht auf einen verbindlichen Nenner zu bringen. Was vom,, liturgischen" Charakter eines Spóμevov aber in jedem Falle auch nach der krassesten,, Verweltlichung". bleibt, ist eine ritualisierte Struktur( im Sinne der Verhaltensfor-schung). Dromena sind ritualisierte Verhalten,, bedeutende" Handlungen; aktionelle Kür-zel, die in einem weiteren Sinnkontext stehen. Agonales, ekstatisches und mimetisches Agie-ren sind Handelnsepitheta, die- auf qualitativ differenten Ebenen- an verschiedenenPunkten der Aufspaltung des Symbols" in Realität und Symbolbedeutung anzutreffensind. Es sind signifikante Aktionsweisen, deren symbolische Konnotation im Kultur-kontext fixiert ist. Sie stehen jener Handelnsqualität, die man theatralisch" nennt,strukturell voran und tauchen als genetische" Reste im Drama wieder auf.- Der Be-griff des ,, Spiels" scheint hier quer durch alle Kategorien zu verlaufen, dochsoviel sei hier gesagt geht es ihm ähnlich wie dem Symbol: In der sakralen Sphäremeint er sich und sein Gegenteil, Realität und Spiel" nämlich( als konsequenzvermin-dertes Probehandeln), in welchen Bedeutungsebenen sich der Universalbegriff von Spielim Laufe der Profanentwicklung polarisiert. Das macht mit seine Vieldeutigkeit aus.Produkt eines solchen Aufspaltungsprozesses ist auch die Theater wirklichkeit und ihreVieldeutigkeit. Bei vielen Dromena kommt es zu einer Requisitenhandhabung, diedann zum Kristallisationspunkt für theatroide Erscheinungsformen werden kann, wenndieses Requisit anthropomorph ist, oder gar mit einem Menschen in einer solchen Funk-tion agiert wird. Zur Rollenbildung als der Ausformung einer realitätshältigen Positionin einem erfundenen oder wirklichen Bezugsraum kommt es dabei noch nicht. Es gehtim wesentlichen um purifikatorische Tötungen und Verbrennungen sowie um- mehroder weniger säkularisierte Handlungen aus dem archetypischen Vorstellungskomplexvon Tod und Wiederauferstehung. Es wird sich also in der Folge nachweisen lassen, daßMaske und Verkleidung in einem effektiveren Sinn rollenkonstituierend sind als dasbloße Agieren: Die signifikante Kapazität der Kleidung übertrifft die des Habitus. ZurRollenbildung kommt es aber meist erst dann, wenn beide zusammentreten.

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1. 6. 1. Agone

Agonale Strukturen sind den theatrogenen Brauchtumsformen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumsformen inhärent, treten aberisoliert weniger häufig auf. Die vorliegenden Beispiele sind daher unter symptomatischem,nicht systematischem, Aspekt zu sehen. Bei den sportlichen Agonen sind deutlich dieOlympischen Fünfkampfdisziplinen zu erkennen, das Vorbild des byzantinischen Hippo-droms 241 sowie ritueller Steinschlachten.242 Gruppen- und Scheinkämpfe dürften zu denbasic patterns des indoeuropäischen Kulturraumes gehören. 248 Die poetischen Agone mitSpruch und Widerspruch, Satz und Gegensatz stellen ein in hohem Grad dialogkonsti-tuierendes Element dar, sind aber meist in die Karnevalsumzüge eingebunden und mitAktionen verquickt. Die nonverbale, aktionelle" Interaktion scheint primärer theatro-

240 Harrison, 1962: passim. definiert sie als ,, things done".

241 Kukules, 1948-1955: F, 7 ff. Markakis führt die breite Strahlkraft byzan-tinischer Theatromanie darauf zurück, daß die Spiele weniger vom Staat organisiert wurden alsvon der Bevölkerung selbst( 1948: 134 ff.).

242 Megas, 1956: 170 ff.

243 Vgl. etwa A. Lesky, Ein ritueller Scheinkampf bei den Hethitern, ARW XXIV,S. 73 ff.; R. Bleichsteiner, Masken und Fastnachtsbräuche bei den Völkern des Kaukasus,OZV 1952, S. 99 ff.

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