der einen Seite ein Zeitraum von 1850 bis heute( weit gefaßt), auf der anderen 1000Jahre griechisch- römische Antike und 1000 Jahre christlich- hellenistisches Byzanz, aufder einen Seite das Ausbreitungsgebiet hellenophoner Bevölkerung im Balkan und öst-lichen Mittelmeer, auf der anderen das klassische Griechenland, das römische Imperiumund Byzanz, alles in allem ein territoriales Chamäleon. Das Insgesamt vergleichbarerFormen ist unbekannt, das Sample, das die Geschichte gezogen hat, sicher unrepräsenta-tiv. Die Konstatierung von Kontinuitäten von Festelementen, die Fixbestandteile einerruralen Umwelt sind( wie Blumen etwa), sagt weiter nichts aus, als daß jenes Elementtatsächlich eine Konstante ländlicher Lebensführung ist. Wichtiger ist aber der sinn-gebende Kontext von Werten, Haltungen, Vorstellungen usw., der die Festlichkeit um-gibt. Hier fragt es sich, ob nicht im Vergleich von vornherein Inkommensurables zusam-mengezwängt wird, indem man ein attributives Phänomen aus seinem bindenden Kon-text löst, isoliert, und mit einem gleichermaßen„ gesäuberten" anderen Element zusam-menstellt: Und mit dem Aha- Effekt der Erkenntnis von Gleichartigkeit rastet der Denk-akt in das vorhandene Kontinuitätsschema ein. Die theoretischen Komplikationen dieseskomparativen Verfahrens werden in den vorliegenden Forschungsarbeiten nicht immervoll bewußt: Kontinuität setzt in gewissem Sinne Ungeschichtlichkeit voraus( Tradi-tionalität aber ist nicht synonym mit Unveränderbarkeit). Der prähistorische Zeitbegriff,den wir haben können, ist intellektuell überarbeitet und nähert sich dem Begriff von,, Ewigkeit", einer christlich- theologischen Konzeption. Der in Europa geprägte Begriffder Volkskultur" kennt scheinbar ahistorische Grundmuster( Topoi) und historisch-variable Phänomena, die Außenimpulse verarbeiten können, wesentlich aber nur dieTopoi reproduzieren. Kommt es zu( historischen) Eingriffen in die Toposstruktur, so istdas produktive Bezugssystem dieser archetypischen Formen und Werte gestört und biszur Ausbalancierung neuer Relationen partiell dysfunktional. Das oikotypische Brauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum kann heuristisch effektiv unter einem solchen Systemaspekt gesehen werden.Von ,, Kontinuitäten" zu sprechen, ist dann aber nur im Bereiche von Topoi und Struk-turen sinnvoll und nicht bei Fakten und Erscheinungsformen.
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8) Topologische Struktur
Der griechische Sammelumzug ist als rite de passage zu kritischen Zeitpunkten desJahreslaufs oder als„ Initiationsakt" in kritischen Perioden des Übergangs von einerAltersgruppe zur anderen im Lebenslauf des einzelnen eine auf dem Do- ut- des- Prinzipgründende Leistungstauschaktion zwischen Akteuren und Gemeinde in Form einer zykli-schen oder kryptozyklischen Prozession. Das verhaltensregulierende Symbolbewußtseinder Kreisziehung um die Sozietät ist verschieden geartet, läßt sich aber sozialpsycholo-gisch als Stärkung der Gruppenkonvergenz formulieren. Die Schließung des Kreises de-finiert den Wir- Raum. Das gesteigerte Wir- Erlebnis( Fest) als Kreisbewegung( Unter-Uns) entspricht der Periodizität der Jahresepochen, Lebensalter( Geburt- Tod- Wieder-geburt) und dem zyklischen Geschichtsverständnis( der anfängliche Schöpfungsakt undseine Wiederholung). Die„ Kraft" zirkuliert neu in der Gemeinde nach dem Um- gangder Brauch- Akteure. Der dynamische Kreis( Kreis- lauf, das Kreisen) ist der symbolischeund reale, soziale und individuell- affektive Hintergrund der Separierung des Spielraumsvon Theater.
1. 6. Agonales, ekstatisches und mimetisches AgierenDer Begriff des opouevov, in der von Usener definierten Bedeutung jeglicher,, heiligen Handlung" 239 in einer Öffentlichkeit, geht auf die Wurzel pay( handeln) zu-
239 Usener, 1913: 4, 422 ff; er wendet sich gegen den Begriff der„ Begehung" als zuvieldeutig.
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