,, Ambiente" der Fachliteratur betrifft, angebracht. Diese Fachliteratur entstammt zumGroßteil dem Bereich der neugriechischen Laographie.
1) Heortologie und Jahreslauf
Die Überlagerung des römisch- griechischen bzw. noch älteren Festkalenders durchdie orthodoxe Heortologie oder besser: Die Anlagerung paganer Elemente aus idolatri-scher Zeit an den christlich- religiösen Festkalender und die daraus entstehenden Metamor-phosen, Pseudomorphosen und Paramorphosen dürfen als eine paneuropäische Erschei-nung angesehen werden. Eine präzise Scheidung ist nur insofern möglich, als man dieZeremonien, denen ein christlich- religiöser Anlaß völlig fehlt, der Kategorie der Jahres-epochen zuordnet, und die übrigen an die jeweiligen Termine der Heortologie anschließt,so deutlich auch der idolatrische Untergrund sein mag. 45 Der simultanen Existenz vonMonotheismus und Naturreligion im Festkalender entspricht bei synchroner Betrachtungdas Vorhandensein von heortologisch fixierten und epochal beweglichen Festterminen.46Bei diachroner Betrachtung aber wird eine Evolution deutlich: Die innerhalb der Jahres-epoche beweglichen Feste werden ,, seßhaft" und schließen sich an einen liturgischen Fest-termin der Heortologie an. Im Falle des Sammelumzugs bleiben nur die Märzkalanda( auch fixiert durch den römischen Jahresbeginn) und die Maikalanda ohne christlicheSinngebung. Schon der vorchristliche Festkalender ist aber ein heterogenes Produkt vor-ausgegangener Entwicklungen: Heliolatrie, Mondverehrung, Astrolatrie und Vegeta-tionskult bilden den Grundstock des Jahreslaufes. Eine davon abhebbare Schicht stellendie Zeremonien des Agrarkults dar, die der Mensch als Agrodiätos( von der Erde lebend)zur Sicherstellung der Karpophorie unternimmt.47
Sowohl auf dem paganen Sektor wie in der Liturgie lassen sich auch kleinere Fest-kreise herausbrechen: Karnevalsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Karnevalsbrauchtum, Osterzyklus usw. 48 Im geläufigen methodo-logischen Ansatz der Volkskunde wird die Scheidung Idolatrisch- Christlich nur alssekundärer Ordnungsfaktor herangezogen, und man folgt in einer Linie dem Zeitkonti-nuum des heutigen Kalendersystems, dem ,, Jahreslauf". Wie die Systematisierungen aufdiesem Gebiet von van Gennep für Frankreich und Fehrle für Deutschland langeZeit maßgeblich blieben, so sind auch für Griechenland- nach den mehr philologischorientierten Bemühungen von Politis und den ethnologisch ausgerichteten Arbeitenvon Kyriakidis die Kategorisierungen von Megas und später Spyri-dakis im wesentlichen noch gültig. 49 Die griechische Laographie sieht sich noch nichtso sehr dem progressiven Verlust ihres( einstigen) Forschungsobjektes gegenüber wie diewesteuropäischen Disziplinen. Die Sammelperiode ist hier noch nicht zu Ende, die großenHandbücher noch nicht geschrieben.
Unter ausschließlicher Konzentration auf die Festtermine der Kalanda( nichtsyn-thetische Formen des Sammelumzugs) fallen sofort zwei Festkreise aus dem Jahreslauf,der eine kalendarisch fixiert, der andere beweglich, aber beide liturgischen Charakters:
45 Dieses Verhältnis charakterisiert Fermore, 1958: 177:" Sometimes there is nochristian excuse."
46 Gennep, 1947: I, 841.
47 Gennep, 1947: I, 841 ff. unterscheidet demnach drei Kategorien von Festen: 1. Cé-rémonies cycliques( Jahreslauf), 2. Cérémonies calendaires( Heortologie), 3. Cérémonies agrai-res( Ausaat, Schnitt usw.). Vgl. dazu die noch weiterführenden Überlegungen zur Anwendbar-keit auf die griechische Laographie von Lukopulos- Petropulos, 1949: 1 ff.
48 Zu dieser Frage Lukopulos- Petropulos, 1949: 1 ff. Dort weitere Literatur.49 Gennep, 1947, Fehrle, 1936 und für ganz Europa 1955, Politis, 1909: 3 ff.,Kyriakidis, 1938-48 a: 130 ff., Megas, 1951 und 1956( sowie 1958), Spyridakis,1960/61: 73 ff. Unter den von ihnen formulierten Richtlinien erfolgt die Materialaufnahme bisheute.
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