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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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O. Vorfragen

Das Schicksal einer Arbeit wird manchmal schon im Vorfragenfeld entschieden, woSinn und Ziel des Unterfangens festgelegt werden, so daß sich aus diesem anfänglichenBlickwinkel die übrige Arbeit als Exekutierung des Vorgefaßten ausnimmt. Der propä-deutische Charakter dieser Einweisungskapitel entbindet noch von der massierten Bei-stellung von Nachweisen, gibt demnach Mittel und Methoden an die Hand, die Schwie-rigkeiten der Darstellung leichter zu meistern.

O. 1. Begriffsfragen

Unter die propädeutischen Vorfragen, die an- gefragt werden müssen, ehe sich dieDarlegung ihrem Kernthema zuwendet, gehört auch eine kurze Darstellung des Vorver-ständnisses der untersuchenden Instanz in bezug auf die Grundbegriffe, mit denen operiertwerden soll. Im Gang der Untersuchung wird diese thetische Begriffsbasis reflektiv ein-geholt und in Konfrontation mit empirischen Erkenntnissen verifiziert, falsifiziert odermodifiziert.

Die methodische Ausgangsformel einer hypothetischen Strukturevolution der zykli-schen Prozession bis zur Konstituierung von Theater" soll anhand empirischen Daten-materials erweisen, daß der Sammelumzug( Heischegang, Bettelumzug) auf lange Strek-ken hin die strukturell tragende Basis der potentiellen Theatergenese darstellt. Die stoff-liche Beschränkung auf das Jahreslaufbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Jahreslaufbrauchtum ließ sich pragmatisch rechtfertigen;desgleichen das Verbleiben in der termingebundenen Brauchsphäre im Verfolg der, Ent-wicklungslinie" zum Volkstheater. Die Studie macht also halt vor den professionellenWandertruppen, vor der Individualkunst mit ästhetischen Bemessungskriterien, undüberschreitet die Grenze der ,, Volkskultur" nur in einigen wenigen Fällen zu illustrativenund ergänzenden Zwecken( urbaner Karneval, giostra). Diese Grenze ist keineswegsschnittklar, weder empirisch( auf- und absteigende Kulturgüter) noch begrifflich. Zuverschiedenen Zeiten wurde verschieden beurteilt, wer eigentlich das Volk" darstelleund welche Eigenschaften ihm als homogener Gruppe zukämen. 1 Als Begriffsinhalt ist,, Volk" weder auf die Nation( populus) noch auf Unterschichten( vulgus) noch auf dierurale Bevölkerung zu beschränken. 2 Effizienter scheint schon die Tatsache, daß der Be-griff vor der Industriellen Revolution anzusetzen ist. 3 Der permanente Änderungswille

1 Die vollständige Ausfaltung der Konnotation dieses Begriffs gibt ein Stück europäischerGeistes- und politischer Geschichte wieder. Hier geht es nur um die Frage der Existenz der Reali-tät des Begriffsinhalts. Emmerich beantwortet die Frage negativ: Der Begriff, Volk' hatseine heuristische Kraft, die er allenfalls bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte, gänzlich ver-loren; er erfaßt keinen sozialen Typus, geschweige denn eine unmittelbar empirisch einlösbareRealität. Im Laufe von 150 Jahren ist er so vollständig ideologisch korrumpiert worden, daß Ab-stinenz im Gebrauch des Wortes anzuraten ist"( 1971: 178 f.).

2 Diese Auseinandersetzung wurde unter ideologischen Vorzeichen besonders in der Deut-schen Volkskunde ausgetragen. Vgl. dazu die detaillierte Darstellung bei Megas, 1967.

3 Z. T. auch schon vor der praktizierten Aufklärung mit dem implizierten Fortschrittsge-danken. Hier gewinnt Schmidt's Definition der Volkskunde als ,, die Wissenschaft vom Lebenin überlieferten Ordnungen"( 1948: 13) ihre historische Dimension. G. M. Foster( What isFolk Culture, AA 55, 2, 1953) charakterisiert daher Volk nicht als eine Gesellschaft, sondern als

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