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Volkskultur : Mensch und Sachwelt ; Festschrift für Franz C. Lipp zum 65. Geburtstag
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Die Kehrgestalt im europäischen Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum

Von Richard Wolfram

Am ,, damischen Montag"( Faschingmontag) 1931 erlebte ich in der Pöllau amGreim( Steiermark) das ,, Faschingrennen" und 1932 das ,, Bärenjagen". ¹) In der Veröf-fentlichung über meine damaligen Beobachtungen steht das Bärenjagen im Vordergrunddes Interesses und ich verfolgte damals die Bärenmaske und das Bärenbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Bärenbrauchtum in Euro-pa und bis Ostasien. Meines Wissens war meine Beschreibung auch die erste ausführlicheüber diesen steirisch- kärntnerischen Brauch. Kürzer faßte ich mich bei der Schilderung desFaschinglaufens, ohne zusätzliche Nachforschungen, die ich heute- nach bald 50 JahrenErfahrung in der Feldforschung- sicherlich angestellt hätte. Meinen Aufsatz schrieb ichunter dem frischen Eindruck des Erlebens. Er gehört immerhin auch für das Faschinglau-fen zu den recht frühen ausführlichen Quellen.

Das Faschinglaufen ist im Oberwölzer Gericht verbreitet, im Murauer Kreis und indem in den Lungau hinübergreifenden Krakauer Bereich. Es besteht aus einer Gruppe vonLäufern in vorwiegend weißer Kleidung mit rotem Schmuck, die vor jedem Hause ein,, Radl" oder ,, Kranzl" laufen; eine Art Rundtanz ohne Fassung. Dabei wird der Vorläu-fer, der besenbewaffnete ,, Wegauskehrer", eingekreist. Die Schell- und Glockfaschen lau-fen im Gegensonnenkreis, dann löst sich jeder zweite aus ihrer Kette und läuft im Gegen-sinne bis sie ganz eng um den Wegauskehrer stehen. Durch ein Hochheben des Besens gibtder Wegauskehrer das Zeichen zu einem großen Aufgelärme mit den Schellen undGlocken, wozu gejucherzt wird( Abb. 1). Durch ein Laufen im Gegensinne löst sich derKnäuel wieder auf.

Die Gruppe besteht außerdem aus dem ,, Gvettlach", einer losen Menge von Einzelfi-guren meist dunkler Art: Rößl, Roßknecht, Schmied, Schinder, Henngreifer, Oarweibl,Schottenstreicher usf. Dem Anblick nach entsprechen die beiden Bestandteile des Zugesder Zweiteilung solcher Umzugsgruppen in ,, Schöne" und ,, Schiache"( Häßliche), wiedies weithin in Europa zu finden ist. Immer wieder gehören die Schönen und Häßlichenzusammen, fast ein Strukturgesetz, das es nahelegt, aus diesem Dualismus Schlüsse zu zie-hen.

Auf die Einzelheiten des Faschinglaufens möchte ich hier nicht eingehen. Es wurdemehrmals beschrieben und in der Dissertation von A. Hergouth in mehrjähriger Aufzeich-nungsarbeit von Ort zu Ort im ganzen Verbreitungsgebiet genau erforscht. 2) Dort findensich alle wünschenswerten Angaben aus den Beharrungslandschaften des Brauches undden stärker wechselnden Teilen im Verbreitungsbereich.

In der Festschrift zu meinem 65. Geburtstag hat Sepp Walter das Faschinglaufen undBärenjagen einer kritischen Betrachtung in neuer Sicht unterzogen.³) Ihm ging es darum,die bisherigen Deutungen aus altem Glauben und rituellem Brauchvollziehen daraufhin zumustern, wie weit statt ,, Mythischem" und ,, Kultischem", Rechtsbräuche und rechthandgreifliche wirtschaftliche Ursachen hinter diesem Brauch stehen. Obwohl Walter( S. 415) selbst sagt, daß er nun nicht alles am Faschinglaufen auf Rechtshandlungen und

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