Missionierung der Germanen
Von Karl Ilg
Dem Jubilar und Freunde Franz Lipp war die außerordentlich erfolgreichePflege des oberösterreichischen Trachtenwesens- zu dem er nicht nur als Forscher,sondern auch als schöpferischer Architekt und Praktiker Entscheidendes beitrugwie selbstverständlich auch die Erhaltung des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums ein Herzensanliegen. DasTrachtentragen ist ja schon Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum. Genauer gesagt ist es ,, Sitte", wenn ichmich an meine wissenschaftliche Definition¹) halten darf, wonach Sitte und Brauchnicht Synonyma sind, als was sie vielfach 2) in der Volkskunde verstanden werden,sondern zwei klar erkennbare, von einander zu unterscheidende Problemkreise um-schreiben, so daß Sitte den ,, Verkehr der Menschen untereinander" regelt, derBrauch jedoch den ,, Verkehr der Menschen bzw. der menschlichen Gemeinschaftmit auẞermenschlichen Mächten" ordnet. Er ist daher kultischen Ursprungs. Nach-träglich konnten allerdings Bräuche ,, Sitten" werden, indem sie, vordem gültiger re-ligiöser Inhalte entkleidet, beispielsweise als Spiele fortleben, dem Verkehr der Men-schen untereinander dienend, immer noch bewundernswert in ihrer Lebenskraft undDauerhaftigkeit.
Solche Entwicklungen stellten sich namentlich in der Begegnung mit neuen Kul-turen und religiösen Vorstellungen ein. Die Begegnung mit fremden Völkern undKulturen auf meinen Forschungsreisen in Südamerika ³) und die dabei gebotenenVergleichsmöglichkeiten haben mich immer wieder zur Betrachtung solcher Vorgän-ge angeregt und in mir die Frage nach denselben bei unserem eigenen Volke wach er-halten.
Allerdings will ich mich hier vornehmlich auf die Christianisierung der Germa-nen im allgemeinen beschränken, sodaß es mir nicht möglich ist, auf den besonderenFall Österreichs, namentlich an seiner Südflanke, von Kärnten bis Tirol, sowie derSchweiz) einzugehen.
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Sicherlich hatte das germanische Glaubensgut, schon bevor es mit dem Christen-tum in Berührung trat, Veränderungen erfahren. Vor allem wird dabei in der For-schung das Hervortreten Wodans, des Totengottes, gegenüber den anderen Gotthei-ten, vor und zur Zeit der kriegerischen Begegnung der germanischen Stämme mitden Römern hervorgehoben. 5) Den Kämpfern sollte mit ihm das Sterben leichter ge-macht werden. Gleichwohl! Das germanische Glaubensgefüge hatte dadurch nureine gewisse Gewichtsverlagerung erhalten. Das römische Religionsgut, sicherlich insich nicht mehr einheitlich geprägt und durch die Truppenkontingente aus demOrient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient, welche gegen die Germanen herangeführt wurden, noch mehr veruneinheit-licht, hatte letztere nur in den Randzonen tiefer erfaßt, wobei ohnehin die Frage be-rechtigt ist, ob die Darstellung des Tacitus über die Götter und die Religion der Ger-
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