Allein in den Gemeinden Wieselburg, Purgstall undMühling( Niederösterreich) lebten von 1915 bis 1918über 80.000 Kriegsgefangene samt Bewachungssolda-ten. Die Heeresleitung sah sich angesichts dieserMenschenmassen bei der Schaffung von Unterkünftenvor eine Aufgabe gestellt, die alles bisherige in denSchatten stellte.' Die frühen Lager entstanden imAnschluß an ehemalige Truppenübungsplätze, aufge-lassene Festungen, Schießstände und Kasernen. DerVorteil dabei war, daß diese Örtlichkeiten sich bereitsim Eigentum der Heeresverwaltung befanden und dielandwirtschaftlichen Betriebe dementsprechend vonden sonst üblichen Enteignungsverfahren verschontblieben. Bestehende Kasernen, Schulen und sonstigefür eine Massenbelegung geeignete Objekte mußten z.B. für die Einrichtung von Spitälern reserviert werdenund waren daher als Unterkünfte nicht geeignet.Die Kriegsgefangenen füllten bald die wenigen vor-handenen Truppenübungslager und Festungsbaulich-keiten, so daß die nachrückenden Gefangenen Frei-lager beziehen und für ihre Unterkunft selbst sorgenmußten, indem sie Erdlöcher gruben oder Erdhüttenbauten. Die in dieser ersten Periode fertiggestelltenUnterkünfte wurden in einfacher Art in Form vonZeltlagern oder flüchtigen Holzbarackenlagern ange-legt und nur mit den notwendig-
sten Erfordernissen versehen.
In den Baracken hausten die
Gefangenen dicht gedrängt unter
katastrophalen hygienischenVerhältnissen. Lediglich Schöpf-brunnen waren vorhanden,primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Erdlatrinen dientenals Aborte, spärliche Koch-gelegenheiten ermöglichtendas Abkochen der Menage.
sich bei anfänglicher Unkenntnis des Erregers undder Übertragungsart um so schwerer. Rasches Handelnwar gefragt. Schließlich reifte der Plan, die Unter-künfte in Form von großen Barackensiedlungen miteiner Kapazität von zirka 20.000 Kriegsgefangenen zuerrichten. Man beschränkte sich zunächst auf den Bauvon Unterkunftsbaracken für Wachmannschaft undKriegsgefangene, dann auf die Errichtung bescheide-ner Küchen- und Badeanlagen sowie einfach ausgestal-teter Spitalsbaracken. Die Wasserversorgung erfolgtedurch Brunnen mit Pumpwerken; fließendes Wasserwar die Ausnahme. Weiterhin bestanden die Abortan-lagen meist aus Erdlatrinen. Die Militärverwaltungzog nun auch landwirtschaftlich genutzte Flächen,überwiegend von Großgrundbesitzern, für den Lager-bau heran. Ferner sollten möglichst nursolche Gebiete in Frage kommen, die günstigeInfrastrukturen, wie etwa einen Gleisanschluß, fürdie wirtschaftliche Versorgung der Lager boten.Unterdessen war die Laus als Träger des Flecktyphus-bazillus erkannt worden. In diesem Sinne bewährtensich Bade- und Desinfektionsanlagen. Gleichzeitigwurde die Zahl der Insassen verringert und die Lagerum ein Drittel ausgebaut. Außerdem erfolgte dieEinrichtung gut ausgestatteter Normal- und
Russische Kriegsgefangeneim Lager Purgstall.Österreichisches Staatsarchiv( Kriegsarchiv), Wien.
Ein besonders erschwerendes Moment stellten Seuchendar, die sich in den zunächst provisorisch hergerichte-ten Barackenbauten auszubreiten drohten. Insbesonderewaren es neben Cholera und gewöhnlichem Bauch-typhus der Flecktyphus oder das Fleckfieber. DieseKrankheit, in Mitteleuropa bisher unbekannt, gewannsehr an Verbreitung und ihre Bekämpfung gestaltete
Infektionsspitäler sowie der Bau von Müllver-brennungsanlagen, von zentralen Wasserversorgungs-anlagen und einer Kanalisation. Verpflegungseinrich-tungen, wie Bäckereien, Schlachthäuser, Kühl- undKellerräume sowie entsprechende Magazine für dieVorratshaltung. Auch der Bau von Friedhofsanlagenergänzten die hygienischen Maßnahmen.
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