Vorwort
Die russischen Familienfotografien wurden währendder Recherchen für das Projekt„ Fotografie und Volks-kunde" der Deutschen Forschungsgemeinschaft imArchiv des Österreichischen Museums für Volkskundeaufgefunden, dessen Bestand im Laufe seiner überhundertjährigen Geschichte auf mittlerweile zirka60.000 Nummern angewachsen ist.
Für die Sammlung des Museums und darüber hinausstellt das Konvolut in seiner Geschlossenheit etwasganz besonderes dar. Unklar ist bis heute, weshalbdie Familienfotos in die Sammlung gelangt sind.Im Oktober 2000 wurden die Bilder in einem erstenSchritt bei der Kittseer Tagung„ Familienfotografie"einem internationalen Expertenpublikum vorgestellt.Von Januar bis März 2002 sind sie im ÖsterreichischenMuseum für Volkskunde neben weiteren Objektenund Bildern im Rahmen der Ausstellung„ ZensurierteHeimatgrüße“ zu sehen.
Die österreichischen Kriegsgefangenenlager warenwährend des Ersten Weltkrieges bevorzugtes Zieleines breiten wissenschaftlichen Interesses. So hatder Musikwissenschaftler Robert Lach über hundertTondokumente aufgenommen und Anthropologenaus Wien ließen Gipsabdrücke von Köpfen und Glied-maßen der Lagerinsassen anfertigen, anhand derer sie,mit zweifelhaftem rassekundlichem Ansatz, die TypenOsteuropas herauszufiltern suchten. Immerhin bestehtvielleicht ein Zusammenhang mit den ethnographi-schen Feldforschungen von Michael Haberlandt unddessen Sohn Arthur Haberlandt, deren volkskundlicheStudien sich vor und während des Ersten Weltkriegesauf die Gebiete des Balkans konzentrierten und dabeiebenso unter ethnischen Vorzeichen standen.
Bei den nachfolgenden Museumsgenerationen gerietendie Fotos in Vergessenheit. Aufkaschiert auf Kartonsund spärlich beschriftet, bereiten sie quellentechnischeProbleme. Diese liegen zwar weniger in der Qualität-die meisten Fotografien haben die Zeit erstaunlichfrisch überdauert, aber ein Ablösen vom Karton kamaus konservatorischen Gründen nicht in Frage.Eventuell vorhandene handschriftliche Grüße aufder Rückseite der Fotografien sind deshalb verdeckt.
Der Trägerkarton der Bilder im Cabinet- Format wurdein manchen Fällen vor der Inventarisierung gespaltenund dann aufgeklebt. Inschriften und Mitteilungensind dadurch sichtbar geblieben.
Die Bilder erreichten ihre Adressaten im Kriegsgefan-genenlager Wieselburg/ NÖ nie. Die Herausgeber sindsich des Problems bewußt, daß es sich bei den Foto-grafien um Privatdokumente handelt, die nicht fürdie Öffentlichkeit gedacht waren. Dennoch schien esnaheliegend, diese einzigartigen Zeugnisse aus ihremDornröschenschlaf zu wecken. Die vorliegende Doku-mentation präsentiert das gesamte Konvolut mitsämtlichen bislang erreichbaren Informationen. Nichtabgedruckt sind drei Fotografien, die im Archiv fehlen.Die russischen Familienfotos sind untrennbar ver-knüpft mit handschriftlichen Grüßen der Angehörigen.Bilder und Texte erzählen von der Sorge und derAnteilnahme der Familien am Schicksal der Gefange-nen, von Trost und Hoffnung, von Erinnerungenund Sehnsüchten. Für die Übersetzung der zum Teilschwer entzifferbaren Nachrichten danken wir beson-ders Helmut Kovács, Andrea Beer, Katharina Gernet,Christine Lehmann- Kilic und Iryna Deket. UnserDank gilt auch Andreas Gruber vom Institut fürPapierrestaurierung in Schönbrunn. Gedankt seiaußerdem Franz Wiesenhofer für seinen Textbeitragüber die Geschichte des Lagers. Dietrich Schüller,Gerda Lechleitner, Franz Lechleitner und NadjaWallaszkovits vom Phonogrammarchiv der Öster-reichischen Akademie der Wissenschaften sei fürdie Hilfestellung bei der Auswahl und für die Bereit-stellung von Tondokumenten, der Direktorin unddem Geschäftsführer der Österreichischen Phonothek,Gabriele Zuna- Kratky und Rainer Hubert für diehistorischen Filmdokumente, Andreas Wilfing vomInstitut für Humanbiologie, in dem die Gipsmoulagenaufbewahrt werden, für die Überlassung einer Anzahlvon Objekten für die Dauer der Ausstellung Dankgesagt. Nicht zuletzt ist auch dem Bundesministeriumfür Bildung, Wissenschaft und Kultur zu danken, dasden Verein für Volkskunde und das Museum bei ihrerArbeit stets fördert.
Franz GrieshoferUlrich Hägele
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