Familienbilder hätte bei den Empfängern wahrschein-lich auch identitätsstiftend wirken können, wurdedoch die persönlich- familiäre Identität über dieinszenierten Marienfiguren durch eine religiöse erwei-tert. Vielleicht hat die Zensurbehörde die Fotografieneinbehalten, um dies zu verhindern. Zudem besaß fürviele Soldaten die Fotografie der Angehörigen in derBrusttasche eine ähnliche Funktion wie die des tradi-tionellen Amuletts: Seit der Spätantike hatten Solda-ten Bilder oder Figürchen der thronenden Madonnamit in den Krieg genommen. Von der Verehrungdieser Figuren und Bilder versprach man sich nichtnur Genesung bei Krankheit, sondern auch den Sieggegenüber feindlicher Heere.
Die Kombination von bildhermeneutischem und iko-nographischem Vorgehen führt zu Informationen, diedirekt aus dem Bild heraus ersichtlich sind. Hierzumüssen die Fotografien freilich sehr genau betrachtetwerden. Die mangels weiterer Hinweise weitgehendassoziativ angelegte Interpretation birgt allerdings dieGefahr, sich leicht auf einer Gratwanderung zwischenSpekulationen und Indizien zu verheddern. Die quel-lentechnische Grenze der visuellen Anthropologiewäre damit erreicht. Dennoch sollte sich die moderneFotogeschichte nicht zu sehr von einem Diskurs überden Quellenwert des fotografischen Mediums leitenlassen und kunsthistorisch- soziologische mit histori-schen Methoden ausspielen. Der hohe Symbolgehaltmancher Fotografien kann einen kultursoziologisch-ikonologischen Analyseweg erfordern. Umgekehrtwären hierbei aber ebenso historische oder politischeHerangehensweisen zu berücksichtigen. Nach wie vorungeklärt ist etwa, warum die russischen Familienfo-tografien ins Österreichische Museum für Volkskundegelangt sind. Kaum mehr herausfinden läßt sich, wel-che Persönlichkeiten und Einzelschicksale sich hinterden zumeist anonymen Fotografien verbergen. Unge-wiß ist, ob die russischen Kriegsgefangenen aus demLager Wieselburg ihre Heimat überhaupt wiedersahenwaren sie vielleicht bereits tot und konnten dieBilder deshalb nicht mehr zugestellt werden?Gleichwohl dürften sich die Angehörigen sehr wohlbewußt gewesen sein, daß die Fotografie lediglich denAbklatsch ihrer selbst ins ferne Österreich transportie-ren konnte. Vielleicht in dieser Gewißheit hatte dieeinsam und mit traurigem Lächeln in die Kamerablickende Frau mit Schnupftuch auf der Rückseiteihres Foto- Portraits ein paar handschriftliche Wortean ihren Gatten gerichtet:
,, Statt meiner, mein Bild für Dich."
1 Österreichisches Museum für Volkskunde Wien, Fotoarchiv Inv. Nr.5600-5694, Inv. Nr. 6132-6224.
2 Paul Hugger:„ Der schöne Augenblick". Schweizer Photographendes Alltags, Zürich 1989, S. 26.
3 Vgl. Omer Bartov, Cornelia Brink, Gerhard Hirschfeld u.a.: Berichtder Kommission zur Überprüfung der Ausstellung„ Vernichtungs-krieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". O.O. November2000.
4 Kat. Nr.190/ 6218.
5 Auf 4 Fotografien sind einzelne Männer, auf 12 jeweils eineMännergruppe abgebildet; 7 Fotos zeigen eine Frau und einenMann, 19 eine Familie und 10 einzelne oder mehrere Kinder.6 Roland Barthes: Schockfotos. In: Ders.: Mythen des Alltags,Frankfurt/ Main 1964, S. 55-58; hier S. 57.
7 Pierre Bourdieu u.a.: Eine illegitime Kunst: Die sozialenGebrauchsweisen der Photographie. Frankfurt/ Main 1981, S. 18.
8 Vgl. Kat. Nr. 012/5611 und 037/5636. 12 Fotos wurden sichtbarim Freien aufgenommen.
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Vgl. Kat. Nr. 035/5634, 060/5659, 065/5664.
10 Vgl. dazu Margit Berwing- Wittl:„ Versteinerte Mienen". LändlicheFamilienfotos aus dem Bestand des Oberpfälzer Volkskunde-
museums Burglengenfeld. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde2000, S. 101-110.
11 Carl Pietzner: Mutter mit zwei Kindern. Aus: PhotographischeCorrespondenz, Jg. 41/1904, S. 306.
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Heinrich Heine: Buch der Lieder. Hamburg 1827, S. 16.
13 Vgl. Günter Spitzing: Lexikon byzantinisch- christlicher Symbole.Die Bilderwelt Griechenlands und Kleinasiens. München 1989,S. 234.
14 Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, Fotoarchiv.Katalognummer 167/6204.
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Die Postkarte stammt von einem Wiener Flohmarkt.16 Für die Lagergefangenen selbst bestand im Ersten wie auch imZweiten Weltkrieg Fotografierverbot, das aber häufig durchbrochenwurde. Vgl. Peter Hansak: Das Kriegsgefangenenwesen während desI. Weltkrieges in Österreich( Diss.). Graz 1991, sowie die umfang-reiche Dokumentation über das Lager Wieselburg von FranzWiesenhofer: Gefangen unter Habsburgs Krone. Purgstall 1997 undCord Pagenstecher: Knipsen im Lager? Privatfotos eines nieder-ländischen Zwangsarbeiters im nationalsozialistischen Berlin.In: Fotogeschichte, Jg. 18, 1998, Heft 67, S. 51-60. Zur Postzensurvgl. den Text von Franz Wiesenhofer in der vorliegenden Doku-mentation.
17 Cornelia Brink: Beim Sichten des fotografischen Nachlasses.Privatfotos in Auschwitz. In: Fotogeschichte, Jg. 15, 1995, Heft 55,S. 3-9, hier S.6.
18 Die Listen mit den Namen der russischen Kriegsgefangen desLagers Wieselburg wurden bei einem Brand vernichtet. Für dieseInformation danke ich Franz Wiesenhofer, Purgstall.
19 Kat. Nr. 131/6167. Mein Dank gilt Andrea Beer und KatharinaGernet, die den Text ins Deutsche übersetzten.
20 Gottfried Korff: Maria in der technischen Welt. In: Utz Jeggle,Wolfgang Kaschuba, Gottfried Korff, Martin Scharfe, Bernd JürgenWarneken( Hg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur für hb-17.9.1986. Tübingen 1986, S. 195-219; hier S. 200.
21 International Museum of Photography, George Eastman House,Rochester, USA.
22 Jacob A. Riis: How The Other Half Lives. Studies Among TheTenements Of New York. New York 1971, S. 45.
23 Vgl. dazu: Susanne Breuss: Erinnerung und schöner Schein.Familiäre Fotokultur im 19. und 20. Jahrhundert. In: Mattias Beitl,Veronika Plöckinger( Hg.): familien FOTOfamilie. Begleitbuch zurJahresausstellung 2000 im Ethnographischen Museum SchloßKittsee( Kittseer Schriften zur Volkskunde, Bd. 11). Kittsee 2000,S. 27-63; hier S. 44.
24 Bettina Rheims: Die Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau mit dem Kind. Aus: Serge Bramly,Bettina Rheims: INRI. München 1998, S. 40.
25 Pierre Bourdieu u.a. 1981, S. 112.
26 Pierre Bourdieu u.a. 1981, S. 48.
27 Kat. Nr. 120/6156.
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