II. Dengelgestalten
Das Ausklopfen der Sichel- und Sensenschneiden mit dem Dengelhammerhat sich sicherlich im bäuerlichen Glauben nicht weniger tief eingesenkt alsdas Klingenschärfen mit dem Wetzstein. Dennoch hängt, soviel sich bisherbeurteilen läßt, weniger an Sage und Brauch daran. Insbesonders läßt sicheine besondere Beziehung dieser Arbeit zu ihrem Gerät, dem Dengelhammer,kaum feststellen, wenn man nur die geläufigen Hammerbeziehungen imVolksglauben heranzieht. Während das Gegenstück, der Wetzstein, sich dochmit phallischen Beziehungen hat feststellen lassen, scheinen solche hier kaumnachzuweisen zu sein, obgleich die phallische Bedeutung des Hammers ansich sehr weithin bekannt ist. Man muß aber immerhin bedenken, daßzumindest das Verbum„ dengeln" als geschlechtlich betontes Wort desSchlagens durchaus geläufig ist 880). Das geht so weit, daß es auch als Brauch-wort bei Schlagriten verwendet wird, beispielsweise beim Frisch- undGesundschlagen. Soweit also läßt sich die Verbindung Hammer= Phallusund dengeln coire durchaus nachweisen. Von einer eigentlichen Beziehungzum Dengelhammer, zumal in seiner mittenhohen Form, kann ich abernichts feststellen.
Da hat sich wohl der charakteristische Hammerschlag, vor allem seindauernd wiederholtes Geräusch, stärker und bezeichnender eingeprägt. Nuraus ihm, aus der akustischen Vorstellung dieser markanten bäuerlichenTätigkeit, scheinen mir die anthropomorphen Dengelgestalten entstandenzu sein. Handelt es sich doch um das charakteristischeste Geräusch derbäuerlichen Sommerarbeit überhaupt. Alle akustischen Phänomene, die auchnur entfernt daran erinnern, werden demgemäß damit zusammengebracht.So geht es offenbar mit dem Tropfen des Schmelzwassers in so manchenVereisungen. Bezeichnend ist dafür eine Geschichte aus dem Wallis. Unterden Schneewassern der beim Langgletscher herabgegangenen Lawine hörtman heute noch zu gewissen Zeiten die Mähder, die dort verschüttet wurden,ihre Sensen dengeln 881). Überflüssig zu sagen, daß derartige Gehörvisionenoft eine geradezu verzaubernde Wirkung haben und haben müssen.
Die charakteristische Ausformung zur mythischen Gestalt hat all dasin den schwäbisch- alemannischen„ Dengelmännern" gefunden. FriedrichRanke hat die Gruppe dieser Gestalten bereits mit weitgehender Voll-ständigkeit zusammengestellt, so daß hier nur kurz daran erinnert zuwerden braucht 882). Das früheste literarische Zeugnis für den„ Dengelgeist".der am badischen Feldsberg umgegangen sein soll, bietet Johann Peter Hebelin seinem Gedicht„ Die Wiese", 1801. Sein Anruf an das Wiesental beginntgleich mit den Versen:
Wo der Dengle- Geist in mitternächtige Stundeuffem silbene Gschir e goldeni Sägese denglet,
( Todtnau's Chnabe wüss's wohl) am waldige Feldberg 883),
dorthin also schweben des Dichters Gedanken. Hebel hat sich, nach seinemBrief an Hitzig vom 20. Juni 1801 zu schließen, stark mit diesem„ Gespenstauf dem Feldberg" beschäftigt. Ob die mythischen Metallgeräte, die er ihm
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