II. Bilwisschnitter
Die eigenartigste, wahrhaft geheimnisvolle Gestalt unter allen Glaubens-und Brauchfiguren, die mit den Ernteschnittgeräten zu tun haben, ist zwei-fellos jener üble Schnitter, der in weitem deutschen Bereich als„, Bilwis"angesprochen wird. Er ist jenes Wesen, das nächtlicherweise über die Felderschweift oder gar schwebt, Sicheln an den Füßen, mitunter auch in oder ander Hand, und nun in das reife Korn unheilvolle Zeilen einschneidet, den,, Bilmesschnitt". Eine Naturerscheinung hat hier ihre fesselnde mythischeDarstellung gefunden.
Alter und Herkunft der vielfach wechselnden Bezeichnung und derebenfalls variantenreichen Gestalt lassen sich nicht eindeutig festlegen. Nachvielen Versuchen, seit Jacob Grimm, haben Samuel Singer und Lutz Macken-sen in einer ausgezeichneten Darstellung alle Möglichkeiten geprüft undzusammengefaßt 599), so daß es sich hier erübrigt, das Material nochmalsvorzulegen, und es genügen mag, in großen Zügen dazu zu referieren undin einigen Punkten dazu Stellung zu nehmen.
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Der Name des seltsamen Wesens wird von Singer, in Übereinstimmungmit mehreren Vorgängern, für niederdeutsch gehalten. Das altenglischeAdjektiv ,, bilewit" wohlwollend, soll im Sinn des Euphemismus der Nameder bösen Gestalt gewesen sein. Die niederdeutsche Form habe sich ver-breitet und sei besonders ins Baltische entlehnt worden. Andere Forscherhaben den gegenteiligen Weg angenommen, oder überhaupt ganz andereAbleitungen bevorzugt. Am ausführlichsten hat sich nach Singer AlexanderHaggerty Krappe damit beschäftigt, der Bilwis nur zu keltisch ,, bel" stellenwollte, mit reichem Nachweis der großen Geltung der bel- Namen im ganzenmythologischen Umkreis 600). Die große Schwierigkeit bei der ungemeinkenntnisreichen Untersuchung Krappes besteht für unser Gebiet nur darin,daß es auf keltischem Gebiet sogut wie überhaupt keine Bilwis- Vorstellun-gen gibt. Da nützt also wohl die ganze Wörter- Untersuchung nichts, wenndie Sachen damit nicht übereinstimmen. Ein irisches Lügenmärchen vomHasen, dem eine Sichel nachgeworfen wird, die ihm im Rücken steckenbleibt,und mit der er nun den Hafer beim Durchlaufen abmäht 601), kann zwarentfernt in die ganze Sagengruppe gehören, wird aber doch wohl kaumam Ausgang stehen. Außerdem ist ja mit diesem Hasen wieder kein bel-Name verbunden.
Man kann also diese westlichen Beziehungen einstweilen wohl beiseite-lassen, und die Singerschen Nachweise weiterprüfen. Singer weist daraufhin, daß sich sprachliche Schwierigkeiten bei der einen von ihm angenom-menen Richtung des Entlehnens, vom Niederdeutschen ins Baltische, wiebei der anderen, vom Baltischen ins Niederdeutsche, ergeben. Faẞt man,was Singer nicht tut, die starke baltische Verbreitung nicht nur des Namens,sondern allgemein derartiger Sichelgestalten ins Auge, besonders die desPastauninkus und der Pastauninke bei den Litauern, die Sicheln an denHänden haben oder direkt statt der Hände Sicheln, mit denen sie schlechtAntwortenden den Kopf abschneiden, so wird man die Möglichkeit einer
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