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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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selbst etwas zu tun, was den Lebenden unerwünscht war, also etwa wieder-zukehren. Im Bereich des germanischen Wiedergängerglaubens liegt diezweite Möglichkeit sehr nahe, doch läßt sich wohl nichts Entscheidendes fürdie eine oder die andere Auffassung gewinnen 113). Maßgebend scheint mirin diesem Zusammenhang nur, daß man künftig mit derartigen Zügen derSinngebung der Grabbeigaben überhaupt wird rechnen müssen, und zwarinsonderheit bei den Schnittgeräten. Von volkskundlicher Seite kann also diereligionshistorische Forderung an die Urgeschichte, neben typologischen undchronologischen Fragestellungen die funktionalistische nicht zu vernachlässi-gen 114), und die funktionellen Beziehungen der Gegenstände bereits bei denGrabungen zu berücksichtigen, auch für diese Einzelfrage nicht eindringlichgenug wiederholt werden.

4. Opferbrauch und Opferglaube

Eine Verbindung vom magischen Glauben zum kultischen Brauch bestehtüberall dort, wo magische Handlungen gesetzt werden. Kult beruht weit-gehend auf Festlegung von Handlungen. Wenn sich daher magische Handlun-gen mit Schnittgeräten nachweisen lassen, dann ragen diese immer bereitsauch in das Gebiet des Kultes hinein.

Ein Beispiel für derartige magische Handlungen gibt eine Sage aus demEnneberg in Südtirol. Dort gab es einen Wunderdoktor, der einem BauernTrebo gegen Krankheit helfen wollte. Der Bauer mußte Feuer machen unddem Wunderdoktor zwei Sicheln bringen, die das Männlein nun in diesemFeuer glühend machte und übereinander gekreuzt in die Höhe hielt, bis siewieder kalt waren. Dann vollzog er noch weitere volksmedizinische Prakti-ken, füllte eine Blase mit Wurzelwerk und ließ sie in den Kamin hängen,bis sie ganz zusammengeschrumpft war. Dadurch sollte der Krankheitsgeistaus dem Hause gebannt werden. Die Sage erzählt noch, daß die ganze Proze-dur nichts geholfen habe 115). Der eindrucksvolle Abwehrritus der glühendengekreuzten Sicheln bleibt aber bezeugt, und berührt gerade in der Ausübungdurch den Wunderdoktor als ein magisch- kultischer Zug; das ist schon Hand-lung, mit Beginn, dem Glühendmachen, Höhepunkt dem Empor-halten über den Kopf-, und Ende mit Erkalten und Sinkenlassen. SolcherAblauf gehört zum Wesen des frühen Kultbrauches.

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Frühform des Kultes liegt wohl auch in der immer wieder zitiertenBrauchhandlung der keltischen Druiden vor, die den heiligen Mistelzweigmit einer goldenen Sichel abgeschnitten haben sollen 116). Hier ist auch schonein eigentliches Kultgerät gegeben, das aber, was wesentlich ist, die Formdes Ernteschnittgerätes besitzt, in festlicher lunarer Ausführung und offen-sichtlich auch zu festlich- lunarem Zweck. Maßgebend ist hier der Schnitt mitder Sichel: von hier geht die Verbindung sowohl zum Erntebrauch wie zumOpferritus. Es ist dies wie ein letzter Strahl aus einer versunkenen archai-ischen Hochkultur, der aber gerade noch die jüngere Bauernkultur in ihrenkultischen Zügen zu beleuchten vermag. Bei den Sichelwaffen, den Sichel-rasiermessern wie bei den Sichelgebäcken muß man sich immer dieser frühenBezeugung eines Sichelkultbrauches bewußt bleiben.

Denn aus den jüngeren bäuerlichen Bereichen scheinen weder Sichel nochSense mehr in die eigentlich kultischen Bereiche des Volksglaubens in größe-

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