So werden die als magisch angesehenen Wirkungen von„, spitz" und„, scharf"zur Deutung herangezogen; was für jedes Messer und für jede Nadel zu-treffen kann, muß auch für die altheiligen Ernteschnittgeräte genügen: undkann es eben nicht. Die mythologischen Richtungen nach Mannhardt habensich, soviel ich sehe, mit den vorliegenden Problemen kaum beschäftigt. Hierwar eben die Kluft von der Sachforschung her zu groß, der extreme Idealis-mus der mythologischen Schulen hat auf die auf taglichthelle Beobachtungeingestellten Sammler und Sichter auf dem Gebiet der bäuerlichen Sach-kultur einen abschreckenden Eindruck gemacht, wie anderseits begreiflicher-weise der extreme Materialismus flachster Art, der ja auch manche Anhängerder ,, Wörter und Sachen"-Forschung der jüngeren Generation erfüllt, dieAnnäherung unmöglich gemacht hat. Diese Richtung der Sachforschung ziehtdie Gebiete der geistigen Volkskultur überhaupt nicht heran, geschweigedenn ihre Anschauungen 18). Geräte von dem kulturhistorischen Alter undder allseitigen Bedeutung der Ernteschnittgeräte können aber nicht nurglaubensmäßige Bindungen haben, sie müssen es vielmehr, weil sie ihr ur-sprünglichstes Leben aus ihnen beziehen. Die ganze„, Heiligkeit" der bäuer-lichen Arbeit wäre in Frage gestellt, wenn ihre Geräte reine Zweckdingewären oder in ihren Ursprüngen gewesen wären. Davon überzeugt jederBlick in die Welt des organisch lebenden Bauerntums so sehr, daß nur einesehr einseitige Spezialisierung dafür blind sein kann. Was wirklich Volks-kunde heißen will, muß zuvörderst und immer Geist und Seele der Dingezu erfassen suchen, denn sie waren und sind es, die sich den Leib ihrerSachlichkeit erbaut haben.
Eine eigene Frage ist es, ob unsere volkskundlichen Bestandaufnahmen,die ja zum allergrößten Teil stets mit vorgefaßten Meinungen durchgeführtwurden, die ganze Fülle des Glaubens und Brauches um die Ernteschnitt-geräte erfaßt haben, oder ob mit Lücken zu rechnen ist, die unser Bild beidiesem Neuaufbau von einer anderen Seite her entstellen dürften. Im all-gemeinen stellt sich heraus, daß die magischen Glaubensvorstellungen, dieauch am leichtesten zu erheben sind, bei den Sammlungen bevorzugt wurden.Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch tiefere und bezeich-nendere Schichten vorhanden waren. Besonders dank den Anregungen Mann-hardts sind doch immer auch viele mythische Züge aufgenommen worden,wenn sie auch nirgends betont oder gar verwertet erscheinen. Die von Mann-hardt und seiner Schule vor allem gesuchten kultischen Züge dagegen sindund bleiben selten, sie haben eben mit dieser Welt des bäuerlichen Mythosnicht viel zu tun. Aus Magie und Mythos sind selbstverständlich immer klei-nere Ströme auch in den Kult abgeflossen. Hinter der„ Geräteheiligkeit" vonVotiven und Kultgeräten steht also mitunter die mythische Gestaltheilig-keit", wie sich noch an Einzelbeispielen ergeben wird.
I. Gerätebrauch und Geräteglaube
Die Ernteschnittgeräte nehmen zufolge ihrer bedeutsamen Stellung schonallein im Arbeitsleben im gesamten Denken und Fühlen der mit ihnen um-gehenden bäuerlichen Menschen einen beträchtlichen Raum ein. Die viel-leicht bereits seit dem Neolithikum währende kontinuierliche Verwendungvon im wesentlichen zu gleicher Zweckverwendung bestimmten und in glei-cher Gestaltgebung hergestellten Schnittgeräten hat sie in den verschieden-
7