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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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heißt dann, nicht eine beliebige alte Sichelklinge, sondern die Sichel als hei-lige Gestalt, meinetwegen der Archetypus Sichel. Ob man sie jeweils alssolche oder aber, was zu vermuten sehr nahe liegt, als die des Sichelmondesangesehen haben mag, läßt sich aus dem mir zu Gebote stehenden Materialnicht eindeutig erhellen. Immerhin muß man in diesem Zusammenhang aufdie Anbringung von Sichelmond- Darstellungen auf Kirchturmspitzen hin-weisen, die ja geradezu wie städtische Großformen jener bäuerlichen Sichel-stangen anmuten. Der Sichelmond auf dem Wiener Stephansturm, dieses sagen-umsponnene Wahrzeichen, das sich rein historisch wahrscheinlich nie ganzklären lassen wird, ist wohl das bekannteste Zeugnis dieser Gattung 29). Erhat vermutlich mit den Türken ebensowenig zu tun wie die Sichelstangender niederösterreichischen Bauernhöfe. Vielleicht hat er aber gestaltmäßigdie gleiche Funktion wie diese. Das wäre aber dann eine mythische Heils-bedeutung gewesen, ein Unterstellen des Hofes, beziehungsweise der Stadtunter das Zeichen des wachsenden Mondes. Um eine solche Möglichkeit auchnur halbwegs beweiskräftig andeuten zu können, bedarf es aber noch desganzen weiteren Materiales.

2. Mythischer Förderglaube

So sind also die anscheinend so ganz empirisch zu erklärenden Scheu-chen aus Sicheln und Sensen deutlich von den beiden Hauptformen desbäuerlichen Volksglaubens, der mythischen wie der magischen, umklammert,und eine Ablösung ältester Schichten im Sinne einer Entwicklungslehreerscheint schon bei diesem einfachen Beispiel nicht möglich. Selbst die an-scheinend rein empirisch gedachten Zielsetzungen können magische Anstößein sich bergen, und gleichzeitig, gleichschichtig vielleicht sogar, von mythi-schen Gestaltvorstellungen mitbestimmt werden. Der von allen Seiten undmit allen Mitteln angestrebte Zweck, der Schutz, ist dabei in erster Linieals positiv zu werten.

Das heißt aber, daß der Glaube an das Heil, an das Heilige, dabei stän-dig zu tiefst mitwirkt. Er spricht sich anscheinend wenig aus und ist vielfachdurch die anderen Volksmeinungen, die empirischen und die magischenbesonders, zumindest in der Aussage überdeckt. Die Aufzeichner des spä-teren 19. Jahrhunderts haben in magischer Voreingenommenheit noch dazudie Seite des Abwehrglaubens von vornherein in alle ihre Sammlungen alsbewußte oder unbewußte Interpretationen hineingenommen, so daß nurdiese Glaubenszüge zeugnismäßig klar hervortreten. Die geschichtliche Auf-gliederung des Volksglaubens hat jedoch das Vorhandensein der tieferenSchichten mythischer Artung, die Schichten des Heilglaubens, des Förder-glaubens, so deutlich allenthalben ergeben, daß sie auch bei dünner undzum Teil noch problematischer Bezeugung dennoch vor denen der Magierangieren müssen. Was für die Scheuchen gilt, läßt sich bei den verschieden-sten Gruppen des verzweigten Sichel- und Sensenglaubens dartun: dieseGeräte wirken in den tieferen Schichten des Volksglaubens positiv.

Die Scheidung der Möglichkeiten wird noch dadurch erschwert, daßSicheln und Sensen nicht nur als Geräte und als Gestalten wirken, sondernvor allem schon durch ihren Stoff, das Metall, und durch die generelle Eigen-schaft aller spitzigen und schneidenden Gegenstände. Auch diese grund-bedeutsamen Kategorien des Glaubens an die Wirksamkeit der Metalle,also an eine Stoffheiligkeit, und an die der spitzen und schneidenden For-

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