DAS„ SAUSCHÄDELSTEHLEN"
Eine Scherzsitte im oberen und mittleren Einzugsgebietedes Urlflusses( N.-Ö.)
VON EDMUND FRIESS t
I.
Die österreichischen Stehlrechtssitten sind bisher noch nicht zusammen-hängend behandelt worden ¹). Sicher ist, daß die noch gegenwärtig in Öster-reich geübten nur mehr den Charakter von Scherzsitten tragen, weil dieprimäre Ursache dafür heutzutage Humor und Volkswitz sind, die die Bur-schen einer Ortsgemeinde oder nur die männliche und weibliche Jugend derNachbarschaft im e. S. bei festlichen Anlässen zu Brauchträgern haben 2). Im1.-ö. Viertel ob dem Wienerwalde bildet zweifellos das Maibaumstehlen ³)das eklatanteste Beispiel dafür. Aber durchaus nicht bei allen hier noch inÜbung stehenden Stehlrechtssitten, die sich heute als Scherzbräuche geben,dürfte ehedem der Scherz das ursprüngliche Element gewesen sein. Das Weg-absperren während der Fahrt der Brautleute zur kirchlichen Trauung durchdie Burschen der Nachbarschaft 4) und das nicht nur in bäuerlichen Kreisen,wie ersteres, sondern auch in kleinstädtischen und märktischen Siedlungengebräuchliche Brautstehlen beim Hochzeitsmahle 5) scheinen zweifellos vonder vorgeschichtlichen bis zur spätgeschichtlichen Zeit einen Sinnerneuerungs-prozeß durchgemacht zu haben, der vom Sühnerecht schließlich zum Scherz-brauch geführt haben dürfte. Gewiß bedarf diese von mir nur auf Grund derLiteratur) aufgestellte Vermutung einer genauen quellenmäßigen Über-prüfung, aber ebenso auch die zuerst von K. Weinhold aufgeworfene unddann von V. v. Geramb') und anderen übernommene Mutmaßung, wonachobige zwei zum Hochzeitsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Hochzeitsbrauchtum gehörigen Rechtssitten an ehemaligeÜberfälle und Beraubungen der Hochzeitszüge zu gemahnen hätten. Beimsogenannten„ Sauschädelstehlen" scheint es sich jedoch schon ursprünglichlediglich um eine Scherzsitte der Nachbarschaft in engerem Sinne zu han-deln). Der Schweinskopf mag dabei als glückbringendes Symbol gelten ³)und es ist wohl kaum mehr von einem ehemaligen Zusammenhang mit derAnschauung von der apotropäischen Kraft 10) des Tierschädels zu rechnen.Ich deckte 1952 diesen Scherzbrauch in mehreren Ortsgemeinden des oberenund mittleren Einzugsgebietes des Urlflusses auf 11), das wenig der Flysch-zone und zum Gutteile dem westlichen n.-ö. Alpenvorlande 12) angehört.
Im Nachstehenden versuche ich nun, diese dort in einigen Ortsgemeindennoch gegenwärtig geübte Brauchform zu erörtern und wählte absichtlich des-halb diesen Abschnittsteil aus meinen bisherigen Studien zur Volkskunde desoberen und mittleren Einzugsgebietes des Urlflusses als Beitrag zu vor-liegender Festschrift aus, weil mein Freund Gugitz in den ersten fünf Jahrennach dem zweiten Weltkriege mehrmals im Herbste diese Gegend( Biber-bach und Seitenstetten) aufsuchte und ihre„ nahrhafte Seite" wohltuendempfand.
85