Druckschrift 
Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Zwischen Stephanstag und Dreikönig

In unserem ganzen Land und weit über dieses hinaus im alemannischenRaum heißen die Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig die Lostage.Es ist damit gesagt, daß in diesem seit vielen Jahrhunderten geheiligtenZeitraum kirchliche Vorstellungen und Feste mit weltlichem Volksglaubensich aufs innigste begegnen. So werden einzelne Nächte oder auch alle zwölfTage zur magischen Zukunftserforschung benutzt. Besonders für das Wetterder kommenden zwölf Jahresmonate sind die zwölf Lostage vorbedeutend.Der erste Weihnachtstag ist auch der erste der berühmten Lostage. DerBauer, für den das Wetter ja mehr bedeutet als für den Städter, erforschtRegen oder Dürre der Zukunft, indem er zwölf Zwiebelschalen aufstellt, indie je ein Häuflein Salz geschüttet wird. Jede Schale bedeutet einen Monat,und je nachdem sich das Salz im Monatsschälchen in Feuchtigkeit aufgelösthat oder trocken geblieben ist, wird das Wetter sein. Dieses Orakel wird vielbeachtet, auch im Kurort Schruns, und fleißig in Schreibkalendernnotiert, die auch über Mondstand und die Zeichen der Ekliptik Auskunftgeben. Es gibt viele im Tal, die einen Kalender verschmähen, der Öber-geng und Ondergeng", den Neu und Wädl" und die Tierkreiszeichen,die Zeichen" schlechthin, nicht enthält. Hier ist alter Volksglaube noch ganzlebendig und wird oft mit Feuer und Überzeugung verteidigt gegen dieZweifler.

Ein schönes Beispiel der religiösen Gebundenheit des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums inunserem katholischen Lande dagegen ist die Weihe des Johannisweins.Aufklärung und Rationalismus sind an der Kirche nicht ohne Spuren vor-übergegangen. Was sie im 18. Jahrhundert noch, oft mit dem Volke gemein-sam, leidenschaftlich ablehnte, hat sie später, nicht immer zu ihrem Besten,aufgenommen und durch den Mund allzu praktisch denkender Pfarrherrenvertreten. Auch im Montafon ist die Nachwirkung solchen etwas volks-fremden Regiments noch zu spüren. So gehört die Weihe des Johannisweinsam Tage des heiligen Evangelisten, 27. Dezember, wohl in allen Gemeindender Vergangenheit an. Wachter erzählt, daß es in Schruns vor allem dieWirtsleute waren, die einen Liter oder Doppelliter Wein auf den Josefi-Altar stellten, wo der Mesner ein weißes Tüchlein aufgelegt hatte. Wohl kames dann vor, daß die Schulbuben, die auf den Altar hinüberblickten, mitmännlichem Gehaben flüsterten: Miar möchten da liabr trenka". WelcheMacht diese Weihe hatte, sagen uns die älteren Sagen vom Nachtvolk", demwütenden Heer. Wer vom Johannissegen" getrunken hat, ehe er von heimfortging, dem kann das Nachtvolk nichts anhaben.

Der Silvesterabend kennt bei uns keinen besonderen Gottes-dienst, obwohl doch die Herzen zum Jahresdank gestimmt wären. Früherwar der Dank- Rosenkranz üblich und wohlbesucht. Die allgemein wahrzu-nehmende Überschichtung älteren sinnvollen Brauches durch geräuschvolle,oft sinnentleerte Handlungen macht sich auch auf der Schwelle des neuenJahres bemerkbar. Wie es in den Städten Sitte und Unsitte ist, nimmt auchdas Land schon da und dort an Neujahr die Fastnacht vorweg. Das Neujahr-anschießen mit Pistole und Pöller ist alter Brauch, aber es scheint heute mit-unter mehr an Lärm als an Glückwunsch gedacht zu sein. Wer mit übertrie-benen Explosionen Schadenstiftung anstrebt und nicht ruht, eh alle Fenstereiner Hauswand zertrümmert sind, der folgt zwar auch einem primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven

60