XIV. Die Sonnwendbräuche
1. Vorbemerkungen
Die Sommersonnenwende ist eine der großen Hauptfestzeiten des Jahres. Es scheintberechtigt, von Festzeit zu sprechen, ähnlich den Zwölften zu Weihnachten, denn auchdie Bräuche der sommerlichen Jahresumkehr finden sich nicht nur auf den Johannestagund seinen Vorabend beschränkt, sondern vor allem die Feuer beginnen vielfach schonam Veitstag( 15. Juni) und erstrecken sich bis Peter und Paul( 29. Juni) und sogar Ulrich( 4. Juli). Daher sagte man auch in der Gottschee, der 14., 23. und 28. Juni sind die ,, dreiKriaßnachta". Bei Veit dürfte dies auf einer zeitlichen Verschiebung durch die Kalender-reform beruhen. Das trifft aber nur den Anfangstermin, nicht die Tatsache einer längerenFestzeit. Es bleiben die zwölf Tage zwischen dem 23. Juni und dem 4. Juli. Allerdingsbesteht ein deutlicher Höhepunkt um Johannis, der an sich nicht dem astronomischlängsten Tag entspricht, sondern dem Kirchenkalender verbunden ist. Das Bewußtseineiner Wende des Jahres geht aber aus Benennungen, Bräuchen und Glaubensvorstellungenhervor. Schon das Nibelungenlied spricht von den„, Sunnewenden", und„, Sunniwendn",,, Sunwend" sagt das Volk im süddeutschen Bereich heute noch, der Ausdruck ,, Sonn-wendfeuer" überwiegt sogar das„ Johannesfeuer“. Das alemannische Wort„, Sunngicht"dürfte nach Lessiak in den Bereich von Zauber und Beschwörung gehören undsomit eindeutig eine Wurzel im Volksbrauch aufzeigen. 285 Die Gottscheer verwendendurchwegs die Bezeichnung„ Shumitn", die sich lautgesetzlich aus„, Sonnwenden" ent-wickelt hat. 286 Vielleicht hält dieses Vorherrschen einen älteren Zustand fest. Die un-mittelbaren slawischen Nachbarn haben andere Namen:„ Kres“,„ Janževo",„ Ivánje".Das Wort„ Kres" übernahmen die Gottscheer als„ Kriaß“ zuweilen lediglich für dieFeuer selbst.
Den Gottscheern bedeutete das Fest in mehrfacher Hinsicht eine Freudenzeit.Kehrten doch kurz zuvor die Männer, soweit sie Hausiererhandel betrieben, von ihrenFahrten in die Heimat zurück. Aber das war es nicht allein. Der kirchliche Feiertag zuJohannes d. T. war zwar aufgehoben. Er spiegelt sich in der Gottschee jedoch immernoch mehrfach. Etwa in Pöllandl:„, Shumitn war Anbetungstag, da hat keiner gearbeitet",ähnlich in Mösel. Das altertümlichste Gottscheer Sonnwendlied spricht aber von den,, lieben, heiligen Sonnwenden" 287- nicht Johannesfest- und der ganze Juni hieß auch,, Shumitnmuanot". 288 Ein Zeichen, daß das Volk hier doch offenbar einen Hauptein-schnitt des Jahres empfand.
Die hervorstechendsten Züge des Gottscheer Sonnwendbrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Sonnwendbrauchtums bilden neben denFeuern und allem, was damit zusammenhängt, eine Reihe von Bräuchen, die mit Pflanzenund Wachstum verbunden sind. Beginnend mit dem Großsymbol des Maibaumes, der inder Gottschee sogar häufiger noch an Sonnwend als am 1. Mai auftritt. Auch das Maien-setzen für Mädchen war zu diesem Termin üblich. Zahlreich sind die pflanzlichen Schutz-
285 Primus Lessiak, Gicht, ein Beitrag zur Kunde deutscher Krankheitsnamen, Zs. f.deutsches Altertum 53, NF 41, S. 101-182.
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286 Vgl. bair. ,, Summit",„ Simmet", Grimm, Deutsche Mythologie III, S. 176.287 Vgl. Kap. VIII. Vom Singen in der Gottschee.
288 A. Hauffen, S. 76.