vom Ernst zum Scherz. Diese müssen gar nicht allein Kernverlust als Folge einer fort-schreitenden„, Entmythisierung" sein, sie können zum Teil auch von Anfang an dazu-gehört haben als ein Unterscheidungsmerkmal vom„ Eigentlichen", wie das O. Höflerin einem Vortrag über Götterkomik in genialer Weise gedeutet hat. 205
Nehmen wir es im ganzen, so sind die Bräuche der Faschingszeit aktiver, verglichenmit Mittwinter, sie sind dem Kommenden sichtlich näher. Trotzdem enthalten sie über-raschend viel an Zukunftsentscheidung, Orakel und Zukunftsbeeinflussung, das eigentlichdem Neubeginn selbst zukäme. Etwas anders gewendet steht hier nochmals eine Ent-scheidungszeit vor uns, die dem endlichen Durchbruch vorangeht. Sogar eine gewissezeitliche Gliederung nach Wochen und bedeutsamen Tagen entspricht auch im Faschingdem Mittwinterabschnitt.
Die Frage, ob wir es hier mit einer teilweisen Verdoppelung des ursprünglich Glei-chen zu tun haben, vielleicht etwas zeitverschoben durch ein mittleres und südlichesKlima oder einen Kalenderwechsel, ist schwer zu entscheiden. Ebenso die Frage, wie eswohl vor der Einführung der Fastenzeit gewesen sein mag? Ob da manche Bräuche nochweiterliefen? Worauf die ,, Alte Fasnacht" am ersten Fastensonntag und die wichtigenBräuche des ,, Sommertages" zu Mittfasten deuten könnten? Oder ob es der Beginn derFastenzeit war, welcher die Faschingsbräuche zu einem Höhepunkt steigerte und zusam-mendrängte? Oder gab es einen solchen Höhepunkt auch schon im Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum des Natur-jahres zu dieser Zeit? Schließlich ist das Fehlen von etlichen Bräuchen dieses Abschnittesbei Ostslawen und Skandinaviern noch ein Problem, das wohl in erster Linie historischangepackt werden muß.
All das kann und soll hier nicht weiter verfolgt werden. In unserem Zusammenhanggeht es nur darum, die entsprechenden Gottscheer Bräuche zu schildern und möglichst inihre Zusammenhänge einzuordnen. Wie so viele Faschingsbräuche sind auch jene derGottschee in erster Linie auf Fruchtbarkeit und Wachstum bei Feld und Haustier, aberauch beim Menschen selbst ausgerichtet. Deshalb auch zuletzt das Verbrennen desFaschingsalten, wie man den Strohmann nennen könnte, aber auch das Anprangern jenerherangewachsenen Mädchen, die in diesem Jahre wieder nicht geheiratet haben. In denGottscheer Bräuchen ist das sehr deutlich ausgeprägt. Auffällig und wie mir scheint be-sonders ist in der Gottschee aber auch das Vorkommen von Todesorakeln, wie sie sonstnur die Mittwinterzeit kennt: die Probe des Schattenwerfens am Abend des Faschings-
tages.
2. Einige Gesamtschilderungen der Faschingsbräuche
Es war mir nicht vergönnt, in der Gottschee selbst noch das ganze Jahresbrauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum wie in Tirol oder Salzburg mitzuerleben, wo ich auch das ganze Land umfassendeBrauchtumsaufzeichnungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumsaufzeichnungen machte. Mein Wissen beruht bei der Gottschee nur auf einemBefragen. Nur aus dem Wort kann daher noch ein Spiegel des alten Lebens entstehen.Die Eigenbeobachtung des Brauchablaufes durch den geschulten Forscher eine höchstwichtige Erkenntnismöglichkeit-- fehlt in diesem Falle.
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Ehe wir in einer Reihe von Kapiteln die Einzelheiten zusammenfassend unter-suchen, möchte ich wieder einige Schilderungen im Wortlaut anführen, wie sie mir meineGewährsleute aus verschiedenen Dörfern gaben. Sie zeigen bereits die wichtigsten Motive,denen wir uns dann der Reihe nach zuwenden.
205 O. Höfler, Götterkomik; zur Selbstrelativierung des Mythos, Zeitschrift f. deutschesAltertum und deutsche Literatur, 100. Bd., Wiesbaden 1971, S. 371-389.
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