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Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum und Volksglaube in der Gottschee
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5. Vor und nach der Trauung

Den Morgen des Hochzeitstages begann die Braut in ganz besonderer Weise. Eswar eine Handlung in Stille, Einsamkeit und zu einem ganz eigenartigen Zeitpunkt: vorSonnenaufgang.

Dies steht nicht für sich allein. Bei meinen Aufzeichnungen in den verschiedenstenGegenden in Europa und über sehr unterschiedliche Bräuche und Glaubensvorstellungenstieß ich immer wieder auf diese geheimnisvolle Spanne zwischen Nacht und Tag. EineZwischenzeit, allen Möglichkeiten offen im Nichtmehr und Nochnicht, bis der ersteSonnenstrahl Wende und Entscheidung bringt. Die Bedeutung der Zwischenzeiten offen-bart sich am deutlichsten an den großen Wenden des Jahreslaufes. Nach alten Vorstellun-gen steht die Zeit in den mittwinterlichen Zwölften still, den Internächten", ehe sichder neue Lauf der Sonne wieder in Bewegung setzt. In solchen Spannen hat der Menschnicht nur nach dem Dichterwort eine Frage an das Schicksal offen. In dieser Zeit kannauch Wirkendes geschehen, denn die Waage steht in der Schwebe und jeder Richtungdes Ausschlags offen. Daher die vielen Orakel und Versuche, in dieser Jahreswende dieZukunft nicht nur zu erkunden, sondern auch zu beeinflussen durch vorbedeutendeHandlungen. Das Gottscheer Weihnachts- und Neujahrsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Neujahrsbrauchtum bietet dafür auch diemannigfachsten Beispiele. 150 In dieser Entscheidungszeit tritt auch die Überwelt hervor,offenbart sich auf Erden. Solches beschränkt sich aber nicht auf die winterliche Wende.Auch bei der sommerlichen Umkehr treffen wir auf die Vorstellung eines Stillstandesund alle zukunftsweisenden und zukunftsgestaltenden Handlungen. 151 Vom Christlichenher kann auch der Zeitraum vom Karfreitag bis zum Ostermorgen als eine solche Ent-scheidungswende aufgefaßt werden und weist sich in seinem Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum auch so aus.Eine solche Zwischenzeit aber bringt auch jeder Morgen ,, vor Tag und Tau". 152 Darumauch das Beginnen der Gottscheer Braut beim Heraufdämmern des Hochzeitsmorgens.

In weiten Teilen der Sprachinsel mußte die Braut vor Sonnenaufgang in den Obst-garten gehen und unter einem Baum beten, dann geht in Erfüllung, was sie erfleht. Sicht-lich soll sie dem Baum nicht nur nahe sein, sondern mit ihm in direkter Berührung. Mehr-fach ist erwähnt, daß sie den Baum bei diesem Gebet umarmen soll( Masereben, Grafen-feld, Altlag). Es soll ein grüner Baum sein( Masern), dann ist die Bitte erhört. Ober Grasbetont sogar, ein immergrüner Baum. In Gehag bei Tschermoschnitz soll es ein Apfel-baum sein ,,, damit die Ehe fruchtbar wird", in Altlag ,,, daß die Kinder gesund werden",in Oberdeutschen muß es der schönste Apfelbaum sein. Spielt hier der Paradiesgartenherein? Und zwar nicht eigentlich der Baum der Erkenntnis, sondern jener zweite Para-diesesbaum, auf dessen Erwähnung man gewöhnlich nicht achtet, von dem die Bibel aberberichtet, daß er Unsterblichkeit verleihe? Ich setze die Stelle( Genesis 22) hierher: ,, UndGott der Herr sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut undböse ist. Nun aber, daß er nicht ausstreckt seine Hand und breche auch von dem Baumdes Lebens und esse und lebe ewiglich!"

Den Apfel als Unsterblichkeit schenkende Lebensspeise kennen auch andere Reli-gionen: die indische, die griechische( Äpfel der Hesperiden, der Baum sprießt auf beimBeilager des Zeus mit Hera), die skandinavische( Apfel der Idun). Auch keltische Jen-seitsgefilde ,, Avalun" sind Apfelhaine. Die Doppelheit der Bäume im biblischenParadiese ist auffallend. Man könnte erwägen, ob die Rolle des Apfelbaumes beim Sün-

150 Vgl. Kap. XV über die Weihnachtsbräuche.

151 R. Wolfram, Die Jahresfeuer, Veröffentlichungen der Kommission für den Volks-kundeatlas in Österreich Bd. 3, Wien 1972, S. 83.

152 Ausführlich zu diesem Thema: Irmgard Waniczek- Wellert, Vor Sonnen-aufgang, Diss. Wien 1975.

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