Falle die Vorzeitüberlieferung offenbar noch stärker als die Normen der Hochreligion.Daß das Schicksal in dieser Weise bestimmt wurde, empfand man sichtlich als Notwen-digkeit. Wir fassen noch einen letzten Zipfel der alten Welt.
3. Erläuterungen, Vergleiche
Die Aussagen lassen den Zustand der Überlieferung gut erkennen. Hier Nachklangdessen, was die Gewährsleute nur noch von Eltern und Großeltern wissen, dort nochRichtschnur des Handelns. Auch wird nicht mehr alles überall gewußt. Aber was sieberichten ist im Grunde atemberaubend.
Zunächst läßt sich an den Erzählungen noch das starke Bewußtsein der Schicksals-bestimmtheit ablesen, der Ernst eines Wissens vom Abhängigsein des Menschen. Vieles istschon sagenhaft, aber der mythische Kern liegt doch noch klar vor Augen. Eine Mehr-zahl von Schicksalsgestalten( so zumeist) erscheint unsichtbar über dem Hause schwebendund bestimmt die glückhafte Stunde der Geburt und ,, schöpft" anschließend das Schick-sal des Kindes. Man hört ihren Spruch und richtet sich vielfach danach. 87 Es werdenaber auch Züge des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtums sichtbar. Vor allem der Speisentisch mit der rituellen Be-wirtung durch Brot und Wein, aber auch solche Züge wie das Aufhängen eines Säbels,aus dessen möglicher Bewegung man auf ein Umkommen durch Waffen schloß.
Die Erzählungen sind stärkstens spannungsgeladen. Da ist einmal die Unentrinnbar-keit, mit der der Spruch der Schöpferlein in Erfüllung zu gehen pflegt. In einem Einzel-falle aber auch, daß es durch das christliche Gebet nicht dazu kommt. Man vergegen-wärtige sich auch die Tragik, die in der Erzählung von dem Sohne liegt, dem vorausgesagtist, er werde mit zwölf Jahren die Mutter umbringen. ,, Jedesmal haben sie geweint, wennsie ihm( dem zukünftigen Mörder) etwas zu essen gegeben haben" und trotzdem taten siees. Immer wieder erzählen sie auch, daß man die Schicksalsstimme im Augenblick derErfüllung rufen hört: ,, Die Stunde ist da...!"
Was sagen nun diese außerordentlichen Mitteilungen für den deutschen Volksglaubenaus? Wieviel davon ist neu und in den geschichtlichen Zeugnissen zumeist sehr langzurückliegender Zeiten, über die wir bisher allein verfügten, noch nicht enthalten? Undkönnen wir diese Gottscheer Überlieferungen ohne weiteres, wie sie da stehen, als ur-sprünglich deutsches Volksgut in Anspruch nehmen? Die Gottscheer lebten durch sechsJahrhunderte in einer slawischen Umwelt an der Grenze zwischen slowenischem undkroatischem Volkstum. Es wäre leicht zu verstehen, wenn hier auch Einflüsse der Nach-barn mitgewirkt hätten, zumal diese auch Vorstellungen von den Schicksalsfrauen be-sitzen. Andererseits bedeuten sechs Jahrhunderte auch wieder nicht mehr als die Weiter-gabe der Überlieferung durch rund 18 bis 20 Generationen. Ein Bewahren uralter, bei derEinwanderung mitgebrachter Sitten und Vorstellungen ist deshalb durchaus möglich.Zumal bei der abgeschlossenen Lage der Sprachinsel. Wir müssen also weitere Umschauhalten, um die Gottscheer ,, Schöpferlein" richtig einschätzen zu können.
Wie stark im Altertum Europas der Glaube an Schicksalsgestalten war, die bei derGeburt erschienen, ist bekannt. Die griechischen„ Moiren", die römischen„ Parzen“ 88und auch die germanischen ,, Nornen" 89 sind für den Gebildeten heute noch Begriffe. In
87 Wie weit den grausigen Sagen wirkliche Handlung entsprach, daß Kinder, denen dieSchöpferlein Schlimmes bestimmten, gar nicht aufgezogen wurden, muß dahingestellt bleiben.In einem Falle hören wir, daß das Kind trotzdem aufgezogen wurde, allerdings erfüllt sich dannauch der Schicksalsspruch trotz der Vorkehrungen dagegen.
88 Vgl. u. a. Pauly- Wissowa, Real- Encyclopädie der klassischen Altertumswissen-schaft, neue Bearbeitung, Stuttgart 1894 ff. unter Moira und Parcae.
89 J. Grimm, Deutsche Mythologie, 4. Auflage, Bd. 1, S. 335-346, Bd. 3, S. 115-118;Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 2. Bd., 1937, S. 380-383; Walter Gehl,Der germanische Schicksalsglaube, Berlin 1939; Rolf Wilh. Brednich, Volkserzählungen und
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