Druckschrift 
Kleidung - Mode - Tracht : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1986 in Lienz
(Osttirol)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

ihrer neuen nationalen Hochbewertung und bewußten Pflege, jaMache von Tracht, und das 19. Jahrhundert ist nicht nur die Epocheder modernen Modeausprägung( von der gleich noch zu reden seinwird), sondern es ist vor allem und gerade in den NationalstaatenEuropas und deren Identifikationsproblemen das Jahrhundert derUniformen.

Das gilt nicht bloß für das Militär, wo wir die Bedeutung des soge-nannten bunten Rocks aus den nach revolutionären Volksheeren fürdie Burschen- und Männerkleidung des 19. Jahrhunderts auf demLande kennen. Die Uniformschneiderei für die neuen Massenheeregilt auch als früher Motor der Konfektionsherstellung und das heißtder Kleiderfabriken und mithin des späteren Magazingeschäfts bishin zur schließlichen Kaufhausversorgung( 24). Die Quasi- Unifor-mierung der bürgerlichen Männerwelt insgesamt im Verlaufe des19. Jahrhunderts hängt gewiß damit zusammen und spiegelt sichnoch heute im" business suit", aber ich spreche auch und geradevon den tatsächlichen Uniformen aller Art.

Sie gehören zum modernen Verwaltungsstaat und den hoheitlichenFunktionen seiner Beamten( 25). Alle werden in Uniform gesteckt:Von den Diplomaten bis zum Briefträger. Auch die Professoren- Ta-lare gehören hierher, wie uns Martha Bringemeier gezeigt hat, ob-gleich etwa ein bayerischer Professor, wenn er als Rektor der Uni-versität Würzburg in München zum königlichen Jahresempfang zu er-scheinen hatte, dafür die Hofuniform tragen mußte( 26). Aber auchdies ist schließlich bezeichnend für solche Zivilisten, daß sie mithindrei verschiedene Uniformen im Schrank bereithielten: den Frack,den Talar und die Hofuniform.

Die letztere ist nichts anderes als eine Livrée, wie die der Hof-chargen auch. Doch genau aus solchen" Libereyen" bestand seitdem17. Jahrhundert die Einkleidung der fürstlichen Bürgerwehren undLandvölker zu Verteidigungszwecken( 27). Bei Hofe wurde sie zudieser Zeit Dienerkleidung, und in einer Stadt wie Wien tummeltensich vornehmlich im 18. Jahrhundert so viele bunte Völkchen livrier-ter Domestiquen der verschiedensten adeligen Haushaltungen herum,daß wir heute selbst in einer Oper wie Hofmannsthal- Straußens" Rosenkavalier" nur noch einen schwachen Abglanz davon vorgestelltbekommen können. Nicht von ungefähr hat 1983 das Kunsthistori-sche Museum in Wien im Schloß Halbturn eine Ausstellung" Uniformund Mode am Kaiserhof" veranstaltet. Die fortifikationslose Resi-denzarchitektur der Nachtürkenzeit bedurfte der öffentlichen Re-präsentation durch den Aufmarsch von uniformiertem Gefolge. Sol-ches Zeremoniell hat sich dann dem 19. Jahrhundert fortgeerbt undIwird heute noch mit Parademärschen nicht bloß des Militärs, son-

25

25