G. DAS BILD DER HEILIGEN MARIA
EIN EXKURS
In der Regel verzichtet die Volkserzählung darauf, konkrete und ins Detailgehende Bilder zu entwerfen; sie löst lieber das Bildhafte in Handlungenauf. Man wird jedoch hierzu immer wieder Ausnahmen finden und es hatden Anschein, daß Sage und Legende gern von wirklichen Bildern ausgehenoder in bildhafte Beschreibung einmünden.
Die Zahl der Texte ist nicht gering, in denen Bilder zu leben beginnen oderlebendige Wesen zu Bildern erstarren. Handelt es sich in Mittel- und West-europa vor allem um die Belebung von Plastiken oder zumindest als Reliefvorgestellten Figuren und Gestalten, so finden wir im Osten primär Ikonenoder Fresken, deren Personarium zu leben beginnen kann.
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Diese Thematik ist weitgestreut, wie wir zu zeigen versucht haben, ❝) undman findet noch in zahlreichen Landschaften Reste dieser Vorstellung, diezumeist heilige Personen aus der zweiten in die dritte Dimension heraustre-ten läßt. Daß derlei noch fest geglaubt wird, gehört zur starken inneren Be-wußtseinsebene von Menschen, die dem Bild mehr beimessen als nur eineneinfachen Andeutungswert. Man schaut ,, wie in einem Spiegel"- so erklär-te es uns eine Frau-, was wirklich ist und( so muß man hinzufügen) auch,was nicht ist, denn eine Gestalt kann eben eine Bildfläche verlassen haben.Unser Exkurs gilt jedoch einer seltsamen Verfremdung des Motivs von Ma-riae Verkündigung. Wir haben vernommen, daß der Erzengel Gabriel( sel-tener Michael) als eine Art Brautwerber Gottes auftreten kann. Diese Deu-tung ist gut verständlich und liegt nicht einmal zu weit von der kanonischenFormulierung ab. Schwieriger wird es in Texten- vermutlich gnostischerHerkunft, in denen der Erzengel als sein eigener Werber auftritt und ent-weder angenommen oder aber abgewiesen wird.
Miẞverständnisse und motivische Überlagerungen verzerren hier das Bildgelegentlich umso mehr, je geringer die Bibelkenntnisse im entsprechendenErzählkreis sind. Das folgende Textbeispiel führt in das unmittelbare MilieuSiebenbürgens im vorigen Jahrhundert und sein Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum ein, nimmt je-doch dann deutlich märchenhafte Züge an.
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( 21) ERZÄHLUNG AUS DEM RUMÄNISCHEN
Es war einmal in einem Dorf ein Mädchen, fleißiger als alle anderen aus seinerGesellschaft. Die anderen Mädchen spannen an einem Abend zwei bis dreiSpindeln voll Garn. Diese nahm sich immer ein Viertel mit und füllte sie alle.Diese Sache aber verhielt sich so: Alle Mädchen hatten einen Geliebten. Die-ser sitzt aber neben seinem Mädchen und plaudert und macht Späße, dasMädchen hört ihm zu und lacht und vergiẞt über dem Spiel auch manchmaldie Spindel.
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