( 5) ERZÄHLUNG AUS DEM BJELORUSSISCHEN
Als die heilige Maria klein war, wurde sie daheim wohlbehütet. Nachdem siejedoch drei Jahre alt geworden war, wollten sie ihre Eltern in den Tempel brin-gen, denn sie hatten gelobt, sollte ihnen Gott ein Kind schenken, so wolltensie es ihm aufopfern.
Als Joachim und Anna mit der kleinen heiligen Maria zum Tempel kamen,sagte ihnen der Hohepriester, das Mädchen sei noch zu klein und sie solltenes nochmals auf ein Jahr mit nach Hause nehmen und es in einem Jahr wiederbringen.
Und so geschah es. Nach einem Jahr brachten die Eltern das Mädchen wiederzum Tempel, wo man es in die Schule der Tempeljungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Tempeljungfrauen aufgenommenhat.
Dort lernte nun die hl. Maria nicht nur spinnen und weben, sondern auch nä-hen und alle anderen Fertigkeiten, die man braucht. Insbesondere aber lerntesie die heilige Schrift und den Dienst im Tempel.
Jeden Tag kamen ihre Eltern, um der Kleinen zu essen zu bringen, und siefreuten sich an den Fortschritten, die ihr Töchterchen machte.
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Nun waren jedoch wie wir wissen- die Eltern der hl. Maria bereits betagtgewesen, als sie das Kind empfangen hatten. Und so war nach einiger Zeit fürsie der Tag gekommen, an dem sie sterben mußten.
Sie legten sich ruhig nieder und ihre Seele folgte dem Todesengel.
Am anderen Tage aber erschien ein Engel im Tempel bei der hl. Maria undsagte zu ihr: ,, Der Herrgott hat deine Eltern zu sich heimgeholt. In Zukunftwerde nun täglich ich dir das Essen bringen, weil sonst niemand für dich sor-genkann."
Und so gewöhnte sich die hl. Maria daran, daß ihr ein Engel das Essen brach-te; und sonst machte sie weiter ihre Schule, bis sie ausgelernt hatte.Und als sie zwölf Jahre alt geworden war, wurde sie mit Josef, dem Zimmer-mann, verlobt. Und dann hat sie vom Tempel Abschied genommen.
Im Bereich des byzantinischen und koptischen Christentums ist dieses Motivlebendig geblieben und insbesondere der Umgang Marias mit Engeln wirdin manchen Details ausgeschmückt. Auch dabei handelt es sich vermutlichum die Übernahme von Episoden aus Apokryphen.23) Je bildkräftiger eineSzene der Vorlage, umso mehr mußte sie im Bereich der mündlichen Über-lieferung Beachtung finden.
Schwieriger ist hingegen zu beurteilen, wie sich in der Westromania be-stimmte Legendenmotive ausbilden konnten, die sich mit der Jugend Mariasbeschäftigen. An die Stelle des Tempels tritt als verbreiteter Zug die Schule,in die Maria geschickt wird, um nähen zu lernen. Typisch ist in einzelnenLegendenliedern wie Prosatexten, daß die Tücher, welche Maria webt oderstickt, für die Kirche( oder den Tempel) bestimmt sind. Hier scheint nochein Anklang an die„ Einführung in den Tempel“ zu existieren, zumal wirauch in der Kunst zahlreiche Abbildungen finden, auf denen die hl. Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau
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