-
10.„ Aussiedlerkultur"Das Nachleben in der Erinnerung
10.1.„ Als wenn man gestern dag'west wär“Persönliches Verhältnis zur alten Heimat
Die heute noch lebende erste Generation der Aussiedler, welche die Entsiedlung vor50 Jahren am eigenen Leib erfahren mußte, befindet sich heute im Alter von etwa60 bis 80 Jahren. Diese Menschen haben die Zeit des Nationalsozialismus mit derfür sie unmittelbar sehr schlimmen Folge des Wegmüssens aus der angestammtenHeimat als Kinder oder Jugendliche mitgemacht, in einer Lebensphase also, in derman wichtige erste Erfahrungen macht, in der man sich auf verschiedene Weise inseiner Umwelt beheimatet. Das zwangsweise Verlassenmüssen dieser alten Heimatwurde von nahezu allen Betroffenen als schockartiges Erlebnis empfunden, was sichin den meisten erinnernden Gesprächen niederschlägt.
„ Es war einfach ein arger Schock für uns, vom Bekanntwerden der Entsiedlung über dieUnsicherheit, wohin, über das Einpacken und Wegziehen und dann auch die erste Zeit inder neuen Umgebung. Das hat schon wehgetan und tut immer noch weh. Nur haben wiranfangs so viel Arbeit gehabt, daß wir die ersten Jahre gar keine Zeit gehabt haben für ir-gendwas, zum Nachdenken etwa. Im Lauf der Jahre hat man sich dann langsam, langsamerholt. Und damit gewinnt man zu der alten Heimat wieder eine Beziehung."
Arbeit also als Therapie und die Zeit, die angeblich alle Wunden heilt.
In vielen Gesprächen mit Aussiedlern wird deutlich, wie unterschiedlich sie sichheute sehen, je nachdem, wie das persönliche Schicksal jedes einzelnen in den vergan-genen 50 Jahren verlaufen ist. Der Bedarf nach Klage ist graduell recht unterschied-lich. Die einen sehen sich als„ Heimatvertriebene im eigenen Land", oft auch, wennsie sich nur wenige Kilometer von ihrem alten Heimatort entfernt wieder angesiedelthaben. Es gibt aber auch Aussiedler, die im Gegenteil den Heimatverlust, zumindestaus heutiger Sicht, als Herausforderung empfunden haben, als eine aus der Notwen-digkeit erwachsende Möglichkeit der anderen und besseren Entfaltung, die in derAussage gipfelt:„ Ohne die Entsiedlung stünde ich heute nicht da[ Anm.: entwick-lungsmäßig, wirtschaftlich], wo ich jetzt stehe." Aber das Erinnern an die alte Hei-mat ist allen gemeinsam, wenn es auch, je nach Gefühlslage, bei dem einen stärker,bei dem anderen weniger ausgeprägt vorhanden ist. Die Ausdrucksformen des Erin-nerns variieren von einem ganz persönlichen, privaten Verhältnis zur alten Heimatbis hin zu gemeinschaftlichem Tun mit mehr gesellschaftlichem oder mehr religiösemAnstrich.
Die meisten Aussiedler sind bis heute interessiert an dem Schicksal ihrer Dörferund mehr noch natürlich am eigenen Haus und an den ehemaligen Grundstücken.Gerade bei den Landwirten ist das Interesse an den Feldern oft größer als am ehema-ligen Haus. Die Bindung zu Grund und Boden, auf dem man täglich gearbeitet hat,