Druckschrift 
Wegmüssen : die Entsiedlung des Raumes Döllersheim (Niederösterreich) 1938 - 1942 ; volkskundliche Aspekte ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung im Schloßmuseum Gobelsburg ; mit einem Beitrag über Waldviertler Flur-, Siedlungs- und Hausformen von Ernst Pleßl und einer Beschreibung Waldviertler Hochzeitsbräuche von Adolfine Misar
Entstehung
Seite
253
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"...

6. Die Entsiedlung

6.1. Erste Gerüchte ein Lauffeuer geht von Haus zu Haus

auf oamoi hot's g'hoaßn, mia miaẞn weg."." 1 Dieser Satz hat sich eingegraben indas Gedächtnis der Aussiedler. Er wird von den meisten gleichermaßen zitiert aufdie Frage, wie man denn in den einzelnen Ortschaften und Familien von der bevor-stehenden Entsiedlung Kenntnis erhalten habe. In der bis jetzt existierenden Litera-tur über die Entsiedlung, meist in Zeitungsartikeln, wird ein Schreiben des Reichsbe-auftragten für Niederdonau zitiert, das am 7. Juli 1938 den Bewohnern der erstenacht Ortschaften, die von der Entsiedlung betroffen waren, zugestellt worden seinsoll. Aus dem Inhalt wird folgendes zitiert:

Im Auftrag des Reiches haben Sie innerhalb sechs Wochen Ihren Hof zu räumen. IhrGrund wird zu dem von den Experten berechneten Preis abgelöst werden. Über Ihr beweg-liches Eigentum können Sie frei verfügen. An den bestehenden Bauten darf nichts geändertoder zerstört werden." 2

An ein solches Schreiben erinnert man sich heute nicht mehr. Die erste Kundeverbreitete sich gerüchteweise und daher auch wie ein Lauffeuer.

,, Das ist gekommen über Nacht. Und man hat es so schauderbar gebracht, man hat die Leu-te alle unsicher gemacht. Die Gerüchtebörse ist ja gleich da. Man hat gesagt, die Frauenkommen alleine, die alten Leute kommen alleine, die Kinder kommen in ein Lager. Manhat immer gesagt, in ein Lager. Man hat ja gar nichts gewußt. Das war furchtbar."

1 Alle im weiteren Text durch Anführungszeichen als Zitate ausgewiesene Stellen, die kei-ne Anmerkungen enthalten, sind Gesprächsprotokollen vom Sommer und Herbst 1987 ent-nommen. Die meisten befragten Aussiedler und auch andere Gesprächspartner zum Themamöchten nicht namentlich genannt werden. Ähnlich verhält es sich mit für die Ausstellung zurVerfügung gestellten Fotos. Diese Tatsache allein beweist, wie sensibel das Thema Entsiedlungselbst heute noch zu behandeln ist. Die Wünsche nach Anonymität müssen jedoch, trotz derEinbuẞe an wissenschaftlich präziser Arbeitsweise, berücksichtigt werden. Manche Fotos undDokumente enthalten daher auch als Herkunftsnachweis nur den Hinweis Privatarchiv". DieHerkunft jedes Bildes, der Gesprächsprotokolle und der privaten Archivstücke läßt sich mitHilfe des Archivs des Österreichischen Museums für Volkskunde jedoch lückenlos belegen.Der sprachliche Charakter der Interviews ist im wesentlichen beibehalten worden. Zur leich-teren Lesbarkeit und Verständlichkeit für Nicht- Waldviertler wurden die Zitate allerdings ineine Umgangssprache übertragen.

2 Gattringer, a.a.O., S. 182. Rotraut Hackermüller, Die verkaufte Heimat. Truppen-übungsplatz Döllersheim gestern und heute. In: Morgen. Kulturzeitschrift aus Niederöster-reich, 6. Jg., Nr. 26, 1982, S. 342.- Wilhelm Theuretsbacher, Der Truppenübungsplatz. Aus-siedlung. Auswirkung. Aussichten. Serie des Kurier/, 2. Teil, 6. 11. 1987, S. 34. Walter M.Weiss, Die größte Schande der Zweiten Republik. In: Wiener, Nov. 1987, S. 94.Keine der angeführten Literaturstellen nennt die Quelle für ihr Zitat.